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8. Kapitel: Zwei Männer ansonsten keine Katastrophen

 

8. Kapitel: Zwei Männer – ansonsten keine Katastrophen

Ich sitze in meinem Büro und arbeite. Ansonsten keine Katastrophen bis jetzt. Das ändert sich sogleich, als Willi mit dem versprochenen Bericht bei mir aufschlägt. Da fällt mir ein, dass ich mit ihm ja auch noch ein Hühnchen zu rupfen habe.

„Hallo Willi. Geht’s dir gut?“  Er sieht blendend aus. Naja, nun, wo die Hormonwelt nach dem Besuch von Frau Leonhardt wieder in Ordnung ist.
„Danke, alles bestens. Bei dir hoffentlich auch?!“ Eine reine Höflichkeitsfloskel. Für mich allerdings nicht. Ich antworte wie immer ehrlich.
„Nein, ganz und gar nicht!“ Damit hat Willi nicht gerechnet. Ihm fällt fast der Bericht aus den Händen. Er ahnt, dass irgendwas im Busch ist und wird nervös.
„Oh, das tut mir leid“, versucht er die Sache abzuhaken ohne weitere Nachfragen. So schnell kommt er mir nicht davon.
„Richte Frau Leonhardt doch bitte schöne Grüße aus. Nächstes Mal besser die Bürotür abschließen. Natürlich von innen!“

Männer sind so leicht aufs Glatteis zu führen. Willi schliddert darauf schon umher, bevor ich richtig losgelegt habe.
„Ähm, naja, also …“ Seine Wangen färben sich tiefrot. Ansonsten ist er eher der blasse Typ. Könnte Eisenmangel sein oder mangelnde Sonne. Außer seinem blassen Teint ist der gute Willi aber noch für anderes in der Firma bekannt: seine distanzierte Kälte. Da zeigt er sich bisweilen gnadenlos. Davon ist aktuell nichts zu spüren. Sein Blick huscht verlegen in Richtung Fußboden. Und meiner ist wirklich besonders schön: dunkle Landhausdiele in One Ground Design. Schweineteuer, dafür eigenhändig an einem freien Wochenende verlegt.

„Ich freue mich, dass Frau Leonhardt und du euch anscheinend so gut versteht.“
„Ähm, naja, also … danke, Amelie!“

Stille. Willi studiert weiterhin ausgiebig meinen Fußboden.

„Dass du mich offen anlügst, das geht aber gar nicht.“
„Du hast ja Recht Amelie, war blöd. Tut mir leid. Und dein Boden ist echt cool. Wo hast du den gekauft? Würde mir auch gefallen.“

Mit der Entschuldigung ist die Sache für mich dann auch schon geklärt. Sich entschuldigen zu können, zeigt Charakter.

„Danke, Willi. Für beides! Was den Boden angeht: Ich maile dir nachher die Lieferantenadresse rüber und verlege ihn dir gern.“ Eine meiner leichtesten Übungen als Handwerker-Queen und Restaurationsfan. Ich zeigte schon recht früh erstaunliches Interesse an derlei Tätigkeiten. Voller Freude schenkte Papa mir daher zum dritten Geburtstag eine Säge, einen Hammer und zwei Zangen. Nein, keine schnöden Spielzeugwerkzeuge aus Holz. Richtig echt und gefährlich. Meine Mutter wusste nichts davon und machte sich furchtbar Sorgen, als ich den Hammer in meine kleinen Hände nahm und die ersten Nägel in das von Papa zurechtgelegte Holzbrett haute. Formvollendet und hochprofessionell, als hätte ich nie etwas anderes getan. Papa stolz wie Bolle. Mama ein bisschen enttäuscht, da ich die sündhaft teure Puppe vom letzten Weihnachtsfest im Gegensatz dazu nicht einmal angerührt hatte.

Bei diesem Angebot und in Aussicht eines neuen tollen Fußbodens, der damit alsbald sein Büro schmücken wird, huscht ein Strahlen über Willis Gesicht. „Danke, Amelie, finde ich cool.“ Wir sind uns also einig. Das kann ich von dem anderen Herrn nicht behaupten, der eben schon auf dem Weg zu mir ist. Noch zwei Minuten bis zur Explosion.

„Tschüss Amelie, hab noch einen schönen Tag.“
„Danke, dir auch, Willi!“

„Hast du sie noch alle?!!!???“ Es geht heute zu wie im Taubenschlag. Willi ist keine 30 Sekunden weg, steht Thomas auf der Matte. Offenbar höchst entzürnt. Rote Flecken zeigen sich auf seinem Gesicht und seine schwindende Haarpracht klebt ihm in Strähnen auf der Stirn. Er stampft dabei mit seinen Füßen auf wie ein kleiner, trotziger Junge. Ja, Thomas ist deutlich stocksauer. Ich nehme mal an, ich bin der Grund.

„Hallo Thomas, was kann ich für dich tun?“ Ich weiß, ganz blöde Frage, natürlich ist mir klar, was er von mir will. Jedenfalls im Groben. Auf die Details bin ich nun aber schon gespannt.
„Was soll das mit der Meldung? Ich bin doch kein Schwerverbrecher. Das ist Verleumdung!“ Sein Ton ist schrill und seine Wortwahl leicht verschroben. Tja, in Ausnahmesituationen zeigt sich wohl das wahre Gesicht von Menschen. Ich erlebe hiermit den echten Thomas, wie er leibt und lebt.
„Ach, du hattest Besuch?“
„Frag doch nicht so blöd!“, kreischt er. Ich mach mir Sorgen, dass sein Herz mit der Pumpleistung für diesen Adrenalinausstoß überfordert ist. Er hält sich mit der rechten Hand am Türrahmen fest. Das bestätigt meine Vermutung, dass in seinem Inneren wohl gerade ein Erdbeben stattfindet.
„Thomas, ich kann es dir gern noch mal erklären. Frauen ohne ihre Zustimmung ungefragt den Hintern zu betatschten, nennt sich in der Rechtssprache sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Ich wollte an besagtem Tag mit dir darüber sprechen und dir die Konsequenzen klar machen. Du aber nicht mit mir. Daher regeln das nun andere Stellen. Bitte verlasse jetzt mein Büro. Es gibt nichts mehr zu bereden.“

„Die Meldung nimmst du sofort zurück.“
„Nein!“
„Doch!“
„Nein!“

„Du nimmst diese verfluchte Meldung zurück!“, erneutes Füßestampfen. Jede Mutter kennt die Situation. Du bist mit deinem Kind im Supermarkt, Bereich Süßigkeiten. Ähnliches Verhalten, außer dass es dort andere Auswirkungen zeigt. Weinen, Schreien und wenn das alles nichts nützt, sich auf den Fußboden werfen. Da heißt es konsequent bleiben. Das war schon bei Marie hilfreich, warum sollte ich es bei Thomas also anders handhaben.

Der befindet sich momentan im letzten Stadium des Trotzes. Steht in drohender Haltung rotgefleckt schwitzend vor mir. Eine meiner inneren Stimmen meldet sich flugs und findet, ich sollte ihm eine scheuern. Die Vernunft hält dagegen und meint: „Ganz ruhig Amelie, denk an den Supermarkt!“ So schnell lasse ich mir normalerweise ja auch keinen Schwachsinn von der inneren Stimme einreden. Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz schafft sie es aber schon auch mal, sich frech an der Wertschätzung vorbeizudrängeln und ein Geschrei zu vollführen, dass man nichts anderes mehr hören kann. Brigitte rettet mich. Rein zufällig, denn sie erscheint mit der Unterschriftsmappe in meinem Büro, kurz bevor mir die Hand ausrutscht.

„Thomas, würdest jetzt bitte gehen? Du siehst, ich habe zu tun.“ Sieg der Vernunft und der mütterlichen Kompetenz. Sie wirkt einfach überall.

Sicherheitshalber erhebe ich mich von meinem Stuhl und geleite ihn höchstpersönlich in Richtung Tür. Und zwar insofern, dass ich mich direkt vor ihn stelle, absichtlich etwas zu nah. Das mögen Menschen nicht und treten dabei instinktiv einen Schritt zurück. Wirkt auch bei Thomas. Wo die Masse dann schon mal in Schwung gekommen ist, kann er das ja gleich nutzen, um sich aus meinem Büro zu schwingen. Klappt einwandfrei. Er durchquert das Vorzimmer. Sein Abgang ist von Gezeter sowie einer abschließenden Drohung begleitet: „Das wirst du noch bereuen!“

„Haben Sie das wirklich gemeldet, Frau Amelie?“, fragt Brigitte erstaunt und hält sich dabei mit der rechten Hand liebevoll den Unterbauch, wie das alle Schwangeren machen.

„Aber natürlich, Brigitte. Solchen Typen muss jemand die Grenzen aufzeigen für ihr Verhalten.“ Da bin ich vollkommen entspannt und außerdem geduldig. Mit kühlem Kopf kommt man sowieso zu den besten Lösungen. Dann nur noch abwarten, Tee trinken, bis sich die Dinge von selbst erledigt.

„Übrigens: Danke, dass Sie zum richtigen Zeitpunkt mit der Mappe reingekommen sind.“
„Das war Absicht“, kichert sie. „Ich dachte, bevor das jetzt völlig hochkocht, platze ich mal rein.“ Ja, die Brigitte denkt halt mit. Das schätze ich so an ihr.
„Das haben Sie super gemacht, liebe Brigitte. Übrigens: Ich bin heute früher im Feierabend und in knapp einer Stunde weg. Philipp wartet in der Stadt mit irgendeiner Überraschung auf mich.“

Oh ja, und was für eine. Sie endet mit einem Schock für mich und damit, dass ich bei Busenfreundin Florence auf dem Sofa übernachte – inklusive Pizza, sehr viel Schokoeis und Birnenschnaps …

 

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 9 …