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7. Kapitel: Everybody‘s Darling Depp

 

7. Kapitel – Everybody‘s Darling Depp

Mama, ich bin so froh, dass du da bist“, begrüßt mich Marie, als ich zu Hause eintreffe. Unverhoffte Klänge in unserer guten Stube. Ansonsten ist sie eher froh, wenn sie ihre Ruhe hat. Ihre Abende verbringt sie entweder beim Sport oder vergräbt sich in ihrem Zimmer. Sehnsucht nach Mami steht da weniger auf dem Programm. Teenager haben ja aber ihre eigene Taktik, wenn sie dich zu irgendwas überreden wollen. Die Steigerungsform von „Ich bin so froh, dass du da bist“ ist übrigens „Ich hab dich sehr lieb, Mama“. Benno hat mich bestimmt auch lieb, er hört gar nicht mehr auf, mir vor Freude um die Füße herum zu schlängeln. Als hätten sich die beiden abgesprochen. Der Strom seines Freudesabbers währenddessen ist unerschöpflich. Unser halber Flur steht bereits unter Wasser.

„Was macht Benno denn schon hier? Hast du ihn von Oma abgeholt?“ Erst mal die Details der Umstände genau klären. Sehr hilfreich, wenn wichtige Verhandlungen anstehen.
„Klaro, ich hab den Benno schon sooooo vermisst.“ Oh, je … Erschwerende Umstände, meine geplante Verhandlung betreffend.
„Wir reden in einer halben Stunde, okay. Ich mache mir erst mal einen Kaffee und ein paar Schnittchen dazu. Willst du auch welche?“
„Au ja, danke. Du bist die beste Mama der Welt.“

Ich merke schon, die pubertäre Nuss gleich wird sicher nicht einfach zu knacken sein. Ich kann diesen Gedanken jetzt leider nicht weiterverfolgen. Benno lenkt mich unweigerlich ab. Er drückt seinen 80-Kilogramm-Köper an meine Beine. Ich kann mich dabei ganz schlecht auf die Kaffeemaschine konzentrieren und drücke das falsche Knöpfchen.

„Benno, geh zur Seite“, raune ich ihn an. Er nervt wirklich und ich brauche dringend etwas Beinfreiheit, um von Kaffeemaschine zum Kühlschrank und von dort zum Tisch zu laufen. Mein Magen knurrt laut, als wolle er mich daran erinnern, doch mal zu Potte zu kommen mit den Schnittchen.

„Hat Benno schon Futter bekommen heute?“, schreie ich durchs halbe Haus. „Ja, Mama, gerade eben, warum?“

Gibt’s doch nicht! Wieso rückt er mir dann so penetrant auf die Pelle? Jetzt schiebe mal ein solches Schwergewicht mit deinen Beinen zur Seite. Das funktioniert nicht so einfach. Eine neue Taktik muss her. Ich wähle das Slalomlaufen dafür aus. Heißt: Ich gehe um Benno herum, er hinterher. Ich laufe erneut von der anderen Seite her um Benno herum. Das wiederholt sich mindestens zehn Mal. Dann ist der Kaffee fertig und die Schnittchen auch.

„Marie, Abendbrot steht auf dem Tisch. Kommst du?“

Wie immer ziehen sich Teenager bei derartigen Herausforderungen gekonnt aus der Affäre. Ich habe Marie die letzten 10 Minuten nicht mehr gesehen.

„Oh Mama, schrei doch nicht so. Ich musste mal groß aufs Klo.“

Das wollte ich kurz vor dem Essen so genau nun nicht wissen. Bestätigt aber die These, wie gut Marie die Geschicke lenken kann. Das macht das Leben eines Teenagers recht unbeschwert. Im Gegensatz zu mir, die gleich ein großes Unheil über dieses Kind ausschütten wird. Es muss einfach sein! Vielleicht ist es besser, das Corpus Delikti dazu aus unserer Nähe zu entfernen, damit sie ihn nicht ständig vor Augen hat. Wäre auch gut für unsere Küchenfliesen, auf denen man inzwischen spielend leicht ausrutschen könnte. Bennos Speichelfluss sein Dank.

„Boh, kannst du ihn bitte kurz nach draußen bringen?“
„Meinst du Benno?“ Ich sehe zwar kein weiteres männliches Wesen im Raum, gebe meine Bitte aber gern so weiter, dass jedes Kind sie verstehen kann.
„Ja, Benno, da ich gerne in Ruhe zu Ende essen möchte, ohne dabei diesem tropfenden Wasserhahn auf vier Beinen zuschauen zu müssen.“ Ich bleibe geduldig. Soweit mir dies mit der lähmenden Müdigkeit eben möglich ist.
„Ach, das meinst du. Ist doch halb so schlimm. Aber okay, wenn es dich stört“, erwidert sie knapp, als ob die dicken Pfützen neben uns gar nicht existieren würden.

„Danke!“ Ich schnappe mir eine weitere Schnitte und überlege fieberhaft, wie ich das jetzt hinkriegen soll. Überreden oder die autoritäre Mutti raushängen, würde da nichts bringen. Also versuche ich es mit Überzeugungskraft. Im Studium nannte man mich schon überall „Miss Argument“, weil ich keine noch so heikle Situation scheute und immer klug argumentieren konnte. Die anderen schlugen sich gegenseitig fast die Köpfe ein, wenn sie etwas erreichen wollten. Ich dagegen argumentierte. Was bisher in allen Lebensbereichen und selbst in der Chefetage von Erfolg gekrönt war, wird vermutlich auch bei einem Teenager funktionieren. Ich wage mein Glück.

„Marie, wie fändest du es, jeden Morgen um halb fünf aufzustehen – also auch im Winter, wenn es sehr, sehr kalt und nass draußen ist?“, frage ich beiläufig.
„Um halb fünf? Bist du wahnsinnig, Mama? Niemals! Du weißt genau, wie schwer ich morgens aus dem Bett komme.“

1 : 0 für mich. Ich lege nach.

„Okay, das verstehe ich gut. Und wie wäre es, zukünftig die Hälfte deines Taschengeldes an Papa und mich abzugeben?“ Mein Highlight-Argument trifft voll ins Schwarze. Maries Zornesfalten formieren sich.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst? Dann zieh ich zu Oma und Opa und spreche nie wieder ein Wort mit dir!“

Okay, okay, jetzt schnell auflösen die Sache. In dem Zustand traue ich Marie alles zu. Auch, dass sie umgehend nach oben stürmt, ihre Koffer packt und wütend zu ihren Großeltern hinüberrennt.

„Ich frage nur deswegen, da Benno großen Hunger hat, wie man sieht. Wer soll diese Massen an Futter bezahlen? Die Hälfte deines Taschengeldes bräuchten wir als Zuschuss dafür schon. Und jemand, der morgens mit ihm Gassi geht, bevor die Schule anfängt.“

Ich kann förmlich von außen zuschauen, wie es im Inneren von Maries Kopf zu rattern anfängt.

„Aber Mama, du könntest doch …?!“‘
„NEIN!“
„Papa vielleicht …?“

War ja klar. Wenn sie bei mir nicht weiterkommt, schnell ihren Papa ins Spiel bringen. Man kann es ja mal versuchen. Auch wenn Philipp und ich teils sehr konträrer Meinung sein können – bei Marie sind wir uns immer einig. Das weiß sie auch. Ihr gehen daher so langsam die Argumente aus. Och, ich hätte bei Bedarf noch ein paar auf Lager.

„Ich mache dir einen Vorschlag“, versuche ich die Biege zu kriegen. Denn das Problem ist ja immer noch nicht gelöst, sondern sitzt nach wie vor sabbernd im Flur.

„Als Erstes fahren wir zu Paulas Mutter.“
„Mama, nein, niemals! Nicht zu Paulas Mutter, die darf davon doch nichts wissen!“

Maries Naivität ist manchmal zum Haare-Raufen. Weil Paulas Mutter das Verschwinden von Benno ja ganz sicher noch gaaaaaaar nicht bemerkt hat. Ist zudem total der Zufall, wenn sie im Verlauf zu Besuch bei ihrem Bruder verweilt und ein paar Häuser weiter einem Bernhardiner begegnet, der Benno verblüffend ähnlich sieht. Dann, ja dann erst fällt ihr zufällig wieder ein. „Huch, wo ist denn überhaupt unser Hundchen abgeblieben?“ Ich kläre Marie darüber auf. Ganz langsam und vorsichtig.

Ratter, ratter. Maries Denkapparat arbeitet auf Hochtouren.

„Okay, ich bin einverstanden!“, antwortet sie überraschend. Das ging ja flott. Ich hatte mich auf eine zähere Verhandlung eingestellt. Taschengeldentzug zieht einfach immer. Noch mehr, als sonntags zu nachtschlafender Zeit aufstehen zu müssen.

„Gut, dann fahren wir jetzt sofort dahin und klären das!“, bestimme ich.
„Muss ich da wirklich mit? Bitte Mama, fahr du allein dahin“, Maries Stimme klingt zerknirscht. So langsam dämmert ihr auch, welchen Blödsinn sie zusammen mit Paula eingefädelt hat.
„Ne, sorry, Marie. Ganz sicher nicht. Denn du wirst Paulas Mutter die ganze Geschichte sogar selbst erklären. Ich halte mich zurück.“

Ein entsetztes Augenpaar schaut mich an. Mein Mutterherz blutet, ich bleibe jedoch hart. Was sein muss, muss sein. Jedes Handeln hat seine Konsequenz. Gut, wenn Marie das frühzeitig lernt, auch wenn sie mich heute Abend dafür hassen wird. Lieber das, als Everybody´s Darling-Depp zu sein – immer Ja sagend und deswegen von keiner Sau ernst genommen. Mein Mitschüler Horst in der 10. Klasse war so einer. Er trug grundsätzlich selbstgestrickte Pullunder, grün-beige gestreift und viel zu kurz. Im Sommer ohne was drunter. Im Winter wiederum über einem Hemd, was den Pullunder noch unförmiger machte. Die halbe Klasse schrieb seine Hausaufgaben von ihm ab. „Horst, kannst du mir mal dein Matheheft geben?“ In Mathe und Physik war Horst ein Ass, was wir anderen von uns nicht behaupten konnten. Und die meisten von uns waren leider auch richtig faul. Kein Problem, wenn du einen Horst in der Klasse hast. Er sagte grundsätzlich ja und wurde damit zum Depp der Klasse. Im Nachhinein tut mir das echt leid, denn natürlich habe ich kräftig dabei mitgemacht. Mein Mathe-Zwei in der Zehnten habe ich allein Horst zu verdanken. Ich muss verrückt gewesen sein oder eben sehr zuversichtlich, dass ich Mathe dann als Leistungsfach wählte. Die Verrücktheit konnte ich ziemlich leicht toppen mit meiner Entscheidung, Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. „Du willst was?“ fragte mich Mutti damals und konnte es nicht fassen. Medizin hätte sie ja noch verstanden, vielleicht sogar Meeresbiologie, aber diese Ingenieursache war ihr für ein Mädchen dann doch suspekt. Wie jeder weiß, lasse ich mich von einem Vorhaben nicht so schnell wieder abbringen.

Marie zieht ihre Schuhe an. Nächster Versuch, neue Taktik: „Mama, mir geht’s plötzlich gar nicht gut. Mir ist so übel. Ich glaube, ich muss mich gleich übergeben.“

„Moment, ich hole dir eine Schüssel aus der Küche, die kannst du im Auto auf den Schoß nehmen. Für alle Fälle.“ Marie hält tapfer ihre Schüssel in der Hand, während wir zum Auto laufen. Die Fahrt verläuft ungewöhnlich still. Ansonsten blubbert sie mir unentwegt ins Ohr. Von der Ameise, die sie neulich aus dem Badezimmer gerettet hat oder dem Gitarrensolo im neuesten Song von … sorry, ich habe den Namen leider schon wieder vergessen.

„Marie, du schaffst das!“, ermutige ich sie, als wir an Paulas Zuhause angekommen sind und den Klingelknopf betätigen. Paula öffnet uns. Ihre Blicke werden panisch. Sie druckst hilflos herum. „Paula, lass gut sein, meine Mom weiß Bescheid. Wir wollen bitte mit deiner Mom sprechen. Ist sie zu Hause?“

Wow, ich bin stolz auf Marie. Sie macht das richtig gut.

„Ja, gut, dann kommt rein. Mooooooooom? Besuch für dich!“ Ihre Stimme klingt ängstlich. Eine für ihren Umfang etwas zu klein geratene Frau kommt ins Wohnzimmer. Zumindest lächelt sie freundlich. Das könnte sich alsbald ändern bei dem, was Marie ihr zu beichten hat.

„Benno ist bei uns!“ So ist’s recht. Gleich die Wahrheit auf den Tisch. Paula scharrt indes mit ihrem rechten großen Zeh einen nicht vorhandenen Krümel vom Wohnzimmerteppich.
„Aha. Und warum weiß ich davon nichts?“ Frage in Richtung Paula.
„Weil es eine Entführung war!“, erklärt die ganz schonungslos.

Ist gerade wie beim Tennis. Die Bälle fliegen in hohem Tempo hin und her. Mein Kopf wandert von rechts nach links.

„Blödsinn! Wer soll denn unseren Benno entführen und warum?“
„Ich war’s!“ Marie fädelt sich mit ins Spiel ein. Es geht ins Finale.
„Du?“ Damit wandert der Ball in Form eines Blickes weiter zu mir. Sorry, ich spiele hier nicht mit, bin nur der Schiedsrichter.
„Marie???!!!“ Paulas Mom in Erwartung einer Antwort.

Mir wäre ehrlich gesagt auch ganz Recht, wenn wir endlich zum Ende kommen könnten. Ich will nur noch in mein Bett und unterdrücke ein Gähnen.

„Tun Sie doch nicht so! Sie wollten ihn ins Tierheim abschieben, den armen Benno!“ Ich entdecke erste kleine Fältchen zwischen Maries Augen.
„Wer sagt denn so was?“ Die Spannung steigt.
„Ich hab gehört, wie du’s Papa erzählt hast!“, schreit Paula. Ziemlich außer sich.
„Du bist so gemein!“
„Paula, da hast du was missverstanden. Wie kommst du nur auf die Idee?“

Eine unerwartete Wende im Entführungsfall Benno. Das sollten die Betroffenen lieber unter sich klären.

„Würden Sie Benno dann später bitte noch abholen, wenn Sie sich ausgesprochen haben“? Ich will den tropfenden Wasserhahn so schnell wie möglich loswerden. Man mag mir die Eile verzeihen.
„Natürlich! Wir sind gegen neun bei Ihnen!“

Ein trauriger Teenager begleitet mich zum Auto, während ein inzwischen wieder glücklicher Teenager kapiert hat, dass Benno doch nicht verloren ist.

„Schade Mama, ich hatte mich schon so an Benno gewöhnt.“ Ich enthalte mich lieber der Stimme und atme innerlich auf. Noch zwei Stunden und ich kann die Äuglein zumachen. Nicht für immer, aber hoffentlich mindestens 8 Stunden lang.

 

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 8 …