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6. Kapitel: Willi lässt die Hosen runter

 

6. Kapitel – Willi lässt die Hosen runter

Zuerst muss ich wieder ordentlich aussehen. Für mein Vorhaben kann ich so nicht beim Macho auftauchen. Da ist die Ernsthaftigkeit gleich dahin. Wie gut, dass ich stets Ersatzklamotten für Notfälle deponiert im Büro habe. Dieser ist soeben eingetreten. Ich streife mir ein schickes Sommerkleid über. Gedanklich jedoch visualisiere ich mich darin im Kickbox-Outfit. Das bringt mich in die passende Kampfeslust für mein Vorhaben mit Thomas. Der glaubt ja wohl nicht im Ernst, dass er mit der Popo-Tätschel-Nummer von vorhin davonkommt. Entsprechend entschlossen mache ich mich in die 5. Etage auf zu seinem Büro. Natürlich nicht mit dem Aufzug, ich nehme immer die Treppe – auch wenn ich ins 20. Geschoss gelangen muss. Seine Sekretärin ist im Hause als „Fräulein Abwehrkommando“ bekannt. Die hat wirklich Haare auf den Zähnen.

„Herr Thomas ist momentan für niemanden zu sprechen!“, raunt sie mir zu, ohne ein Wort der Begrüßung.
„Für mich schon. Sie nehmen jetzt den Hörer in die Hand und unterrichten …“
„Ich weiß Bescheid“, unterbricht mich die Dame mitten im Satz. Das kann ich leiden wie Zahnweh.

„Tut mir leid. Anweisung vom Chef. Er wünscht keine Störung in den nächsten zwei Stunden und mit Ihrem Anliegen stören Sie ihn ganz gewiss.“ Erst ins Wort fallen, dann auch noch zu wissen glauben, was ich denke oder tun werde. Das ist mir ja mal ein Früchtchen. Sie verzieht keine Miene bei ihren Worten. Nicht mal zu atmen scheint sie, denn sie wirkt wie eine Statue. Steif, leblos und kalt wie Stein.

Stichwort Durchsetzungsvermögen. Spontan findet in dieser Minute eine Lehrstunde zum Thema statt. Meine Schülerin ahnt davon noch nichts. Ich trete ganz dicht an den Anti-Empathie-Vulkan im Vorzimmer heran. Schön den Rücken zu ihr gewandt. Körpersprache Grundregel No. 1, die auch regelmäßig im Tierreich praktische Anwendung findet. Wölfe beispielsweise zeigen ihren Artgenossen auf dieselbe Art die kalte Schulter. Ich greife wortlos zum Hörer. Als sie mir mit der Hand dazwischen gehen will, wehre ich das mit Verlagerung meiner Körperhaltung gekonnt ab. Zehn Jahre Kickbox-Training müssen ja mal für irgendwas gut sein. Ich drücke aufs passende Knöpfchen und habe umgehend die bekannte Stimme am Ohr. „Berta, was gibt’s? Ich sagte doch: keine Störung!“

„Hallo Thomas, hier ist Amelie, wir brauchen nur ein paar Minuten. Ich komm jetzt zu dir rein“, antworte ich, lege auf und stehe unmittelbar danach in seinem Büro. Der very busy Thomas ist gerade damit beschäftigt, einen Golfball in ein künstliches Loch am anderen Ende des Büros zu bugsieren. Golfen im Büro. Schlimmer geht’s nimmer! Für Möchtegern-Golfer in den oberen Etagen derzeit sehr hip. Ist nicht das erste gefakte Löchlein, das mir unter die Augen kommt. Meist schwänzeln die Supergolfer mit stolz geschwellter Brust darum herum und halten sich für Helden, weil sie endlich auch mal ins Schwarze getroffen haben.

„Thomas, ich will dich gar nicht lange aufhalten. Nur die kurze Info an dich: Ich werde wegen der sexuellen Nötigung alle Gremien im Konzern in Kenntnis setzen.“

Er schaut mich herablassend an, während seine rechte Hand weiter den Golfschläger umklammert. „Das traust du dich nicht. Und sowieso, meinst du, eine solche Lappalie nimmt hier irgendwer ernst? Ist ja lächerlich!“

„Lieber Thomas, eine Lappalie ist für mich, wenn die Eintracht gegen Bayern unentschieden spielt. Oder wenn im Supermarkt nebenan das Klopapier fünf Cent teurer geworden ist. Mich von dir ungefragt am Hintern betatschen zu lassen, jedoch ganz sicher nicht. Das hat ein Nachspiel, ganz sicher!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, rausche ich aus seinem Büro am erstaunten Abwehrkommando vorbei. „Tschüss Frau Wolters, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Nachmittag.“

Zurück in meinem Büro, setze ich sogleich die entsprechenden Schreiben. Damit streiche ich Thomas für heute aus meinem Kopf. Wäre ja noch schöner, wenn ich diesen Typen auch noch gedanklich mit nach Hause auf mein Sofa nehme. Ich kann also wieder zur Tagesordnung übergehen. Auf der stehen heute noch die Ausarbeitungen für die nächste Aufsichtsratssitzung. Mir fehlt dazu der nötige Input von Personalleiter Willi. Wollte er mir längst ausgehändigt haben. Ich wähle seine Nummer.

„Ist der Quartalsbericht schon fertig?“
„Nein, tut mir leid, Frau Leonhardt aus der Buchhaltung hat heute keine Zeit mehr dazu und ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich lege ihn dir gleich morgen früh auf den Tisch.“
„Ist okay. Ich kann mich aber drauf verlassen, oder? Gleich morgen früh!“
„Ja, doch Amelie. Wenn ich’s dir sage …“

Da ich selbst niemals lüge, glaube ich den Menschen meistens, was sie sagen. Und wenn die bitte schön schwindeln wollen, dann doch bitte nicht so offensichtlich. Eine Stunde später. Ich bin mit dem Tagesgeschäft soweit durch und kräftemäßig noch viel mehr. Meine Güte, so müde war ich lange nicht. Und der Tag ist noch nicht vorbei. Der sabbernde Benno, ein Teenager sowie eine konsequente Entscheidung warten zu Hause auf mich. Vermutlich auch mein Mann, der in dieser Konstellation allerdings die kleinere Rolle spielt.

„Tschüss, Brigitte!“, verabschiede ich mich.

Draußen auf dem Flur:
„Tschüss Frau Müller.“
„Tschüss Frau Schmidt.“
„Tschüss Herr Maier.“

Alle Kolleginnen und Kollegen machen heute gleichzeitig Feierabend. In unserem Flur geht es zu wie beim Sommerschlussverkauf. Nur Willis Tür ist komplett verschlossen. Üblicherweise handhaben wir es in der Firma so, dass die Türen offen sind. Außer meinen Vorstandskollegen machen alle mit. Die beiden kochen ganz gern mal ihr eigenes Süppchen.

Der arme Willi, hat bestimmt noch so viel zu tun, dass er nicht gestört werden will bei der Arbeit. Ich kenne das. Manchmal weiß man nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Vielleicht hat er den Bericht ja doch schon fertig und kam nur noch nicht dazu, ihn mir rüberzubringen?

Ich klopfe leise an. Zu leise. Niemand hört mich.
Ich öffne die Tür und erschrecke voll.
Mir bleibt heute aber auch nichts erspart.

So viel vorweg: Willi ist noch im Hause. Er, ähm, wie soll ich das jetzt sagen. Er lässt Frau Leonhardt für sich arbeiten. Nur anders, wie ich das in einem Bürogebäude gewohnt bin. Er steht rücklings an seinen Schreibtisch gelehnt – mit herunter gelassener Hose! Kein schöner Anblick aus dieser Perspektive, denn seine Pobacken sind erbärmlich schlaff und zu allem Überfluss von unfassbar vielen Haaren übersät. So extrem, dass in mir sogleich die Frage aufkommt: Gorilla oder Mensch?

Vor ihm kniet Frau Leonhardt aus der Buchhaltung. Ich erkenne das an ihrer Frisur, die unverwechselbar ist. Denn sie trägt immer und an wahrhaftig jedem Tag denselben altbackenen Dutt. Ich kann nicht beurteilen, ob die Frontseite von Willi ansehnlicher ist. Dazu fehlt mir die praktische Erfahrung, und das soll bitte auch so bleiben! Frau Leonhardt kann aus erster Hand bestimmt mehr dazu sagen. Scheinbar findet sie dann doch irgendetwas im vorderen Bereich des Willi hochspannend. Sonst hätte sie die Region wohl kaum derart aus der Nähe inspiziert.

Die beiden bemerken mich nicht. Sie sind viel zu beschäftigt. Ich gönne ihnen den Spaß zum Feierabend. So einen hatte ich mit Philipp leider lange nicht mehr. An mir soll’s nicht liegen. Nur Schwindeln mag ich so gar nicht. Leise schließe ich die Tür und mache mich auf den Heimweg.

 

 

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 7 …