Image Alt

5. Kapitel: Heiteres Beruferaten im Park

 

5. Kapitel – Heiteres Beruferaten im Park

Herrlich, die Frühlingsluft hier im Grünen. Vogelgezwitscher überall. Beinahe so laut wie damals, als ich als 12-Jährige vier Spatzen großziehen wollte, die aus dem Nest gefallen waren. Was für ein Gezwitscher in meinem Zimmer. Ich gab alles und war eine wirklich gute Vogelmutter. Nützte leider nichts. Nun liegen die Vier im Garten meiner Eltern begraben – direkt unter dem Kirschbaum, der sie seinerzeit beherbergte. Die Bäume hier im Park sind sehr viel größer. Unter einem davon bleibe ich stehen und schaue andächtig in die Baumkronen hinauf. Von Bäumen geht ja eine Menge Kraft und Ruhe aus. Nicht, dass ich darauf angewiesen wäre. Heute jedoch, nach nur drei Stunden Schlaf, könnte ein wenig Zusatzpower aber nicht schaden.

Platsch!

Der größte Vogelkackefleck Frankfurts landet auf meinem Oberteil. Schön vorne mitten auf der Brust, wo ihn jeder sofort sehen kann. So viel zur Kraft der Bäume. Ich krame ein Taschentuch aus meiner Handtasche. Merke allerdings schnell, dass Vogelkacke damit kaum zu entfernen ist. Es fehlt dafür ein entscheidendes weiteres Medium, und das ist Wasser. Na gut, dann laufe ich eben befleckt durch die Gegend.
„Hallo, wie heißt du“, spricht mich plötzlich ein kleines Mädchen an. Steht mutterseelenallein hier im Park herum und lutscht an einem Wassereis. Wenn ich den Duft richtig interpretiere: Melone.

„Oh, wo ist denn deine Mama? Ich heiße Amelie!“
„Hallo Amelie, ich bin Sarah-Luise.“
„Und wo ist deine Mama nun?“
„Die musste mal aufs Klo!“

Erst jetzt schaue ich mir die Kleine näher an. Dunkle Haare, zwei Zöpfe wie Pippi Langstrumpf. Frecher Gesichtsausdruck und Sommersprossen. Sie hält das Eis mit beiden Händen umklammert, als ginge es um Leben und Tod.

„Du hast da einen Fleck!“ Eine gute Beobachtungsgabe, die Kleine. Na ja, ist auch kaum zu übersehen. Sie lässt das Eis mit einer Hand los und zeigt damit auf meine Bluse.

„Ähhhhhhhhhh“, kreischt sie unmittelbar im Anschluss. Aufgrund gewisser Koordinationsprobleme rutscht ihr das Eis aus den Händen und landet direkt auf meinen Schuhen. Im Landeanflug streift es großzügig meine Hose. Somit bin ich in diesem Augenblick von oben bis unten eingesaut. Mein kleinstes Problem, denn ein lauthals plärrendes Kind steht direkt vor mir.

„Was ist los, Sarah-Luise?“ Die panischen Rufe einer besorgten Mutter, die soeben angeeilt kommt. Für meine Begriffe etwas zu spät.
„Mein Eiiiiiiiiiiiis!“, stottert der laufende Meter heulend.
„Was ist mit deinem Eis?“, die Besorgnis nimmt ihren Lauf.
„Die Frau hat es mir weggenommen!“, schreit das Mädchen und zeigt mit dem Finger auf mich.

Danach darf ich mir die Predigt einer Mutter anhören, wie sie das findet. Wie ich es finde, ein Kleinkind mitten im Park allein stehen zu lassen, behalte ich für mich. Ich drücke den beiden 5 Euro in die Hand. „Hier bitte schön. Dafür kriegen Sie mindestens zwei neue.“ Da wird Frau Mama noch ihren Spaß haben, wenn der laufende Meter älter wird. Wer in dem Alter schon so gerissen schwindeln kann – Jackpot für jede Mutter, wenn das Kind in Richtung Teenager voranschreitet. Wobei das Sprichwort „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ durchaus gewisse Erklärungen für diese Tatsache bereithält. Kommt ein Knirps auf zwei Beinen ja nicht selbst drauf. Learning by Abgucking von Mutti.

Und so laufe ich um fünf Euro ärmer, eine Erfahrung reicher und völlig versauten Klamotten im Bethmannpark spazieren. Ich suche eine freie Parkbank, finde aber keine. Überall verliebte Paare, wohin das Auge reicht. Die Leute knutschen sich dabei nieder, als gäbe es kein Morgen mehr. Könnte mir jetzt auch gefallen. Ich muss dabei an Philipp denken. Er hat aktuell wenig Lust auf Leidenschaft jedweder Art. Sehr schade! Selbstbewusst quetsche ich mich an den äußersten linken Rand einer bereits belegten Bank, direkt neben einem knutschenden Pärchen. Ich sitze dabei so weit links, dass eine meiner Pobacken in der Luft hängt. Ich will ja nicht aufdringlich sein, würde aber halt auch gern die Sonne hier auf der Bank genießen und sonst ist in der näheren Umgebung einfach nichts frei. Die Zwei sind goldig. Geschätzt Anfang Zwanzig und wie es scheint, ein frisch verliebtes schwules Paar.

„Hi du, Mittagspause?“, fragt mich der eine.
„Sorry, ich wollte nicht stören.“
„Iwo, du störst nicht. Magst `ne Cola?“

Ja, so simpel können Begegnungen und Gespräche verlaufen. Man muss nur am richtigen Ort mit den richtigen Menschen zusammentreffen. Die reinste Wohltat nach dem Banker-Meeting eben. Und schon kriege ich eine Dose des Getränks gereicht.

„Krass gut, danke!“
Ich genieße die Begegnung und passe mich sprachlich blitzschnell den erforderlichen Begebenheiten an.
„Geiles Wetter heute!“, entgegnet der andere. Er hat eine lustige Piepsestimme, die diesem banalen Smalltalk eine komödiantische Note verleiht.

„Ja, total geil!“ Ich liebe es, wenn wenige Worte ausreichen, Dinge auf den Punkt zu bringen.
„Was machste beruflich?“ Die Jungs sind neugierig.
„Männer bändigen“, entgegne ich lachend.

Piepsestimme guckt entgeistert und mustert mich von oben bis unten.

„Biste Domina, oder was?“

Man sieht ihm an, dass er gerade so seine Probleme hat, mein Bild mit den gesagten Worten in Verbindung zu bringen. Ich, in weißer Bluse mit Vogelkackefleck sowie Bundfaltenhose, die nach Melone duftet, soll Männer
bändigen? Die Damen des Gewerbes tragen üblicherweise andere Kleidung.

„Ne du, bin im Büro. Habe aber viele männliche Kollegen.“
„Ach so!“

Er scheint sehr erleichtert, dass er nicht neben einer Domina sitzt, sondern einer harmlosen Büroangestellten. Damit wäre das Wichtigste geklärt. Andächtig genießen wir die Sonnenstrahlen und beobachten die Umgebung. Eine alte Dame mit Hut läuft lächelnd vorbei. An der Leine einen leicht übergewichtigen Dackel. „Guten Tag“, begrüßt sie uns. Kein Mensch sagt sich in der Großstadt sonst gegenseitig „Guten Tag“, wenn man sich wo trifft. Schade eigentlich.

„Einen schönen guten Tag, wie heißt er denn?“, reagiert die Piepsestimme sofort.
„Waldi. Das Ein und Alles meines Mannes. Gott habe ihn selig.“
„Der Waldi ist ein ganz Süßer“, entgegnet Piepsi entzückt und krault den Dackel hinter den Ohren.

Der genießt die Streicheleinheiten offensichtlich und ist froh, eine Pause einlegen zu können. Mit geschätzt fünf Kilo Übergewicht ist ein Spaziergang im Park halt schon beschwerlich.

„Kennen Sie sich mit Hunden aus?“, will die Frau wissen.
„Ja, wir haben zu Hause auch einen Dackel. Rauhaar. Meine Eltern haben mich aber vor Kurzem rausgeschmissen – weil ich schwul bin. Seitdem konnte ich meinen Lumpi leider nicht mehr sehen.“
„Das ist aber nicht nett von Ihren Eltern!“ Die Dame ist entrüstet.
„Meinen Waldi können Sie gern jederzeit besuchen kommen, wenn Sie wollen“, schlägt sie vor.
Eine neue Freundschaft wurde soeben geschlossen. Wie goldig!

Ich könnte noch stundenlang dieser Idylle im Park beiwohnen, darf mich jetzt aber um andere Dinge kümmern. Leider wird das, was mich gleich erwartet, weniger beschaulich. Sogar ganz große Kacke ist das. Viel größere Kacke, als die Weltpopulation an Singvögeln sie je produzieren könnte.

 

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 6 …