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3. Kapitel: Wohin mit ihm?

 

3. Kapitel: Wohin mit ihm?

Huch, was mache ich denn in der U-Bahn? Ich bin noch nie U-Bahn gefahren. Vor meinen Füßen sitzt Benno und grinst mich an. Seit wann können Hunde grinsen? Plötzlich steht Philipp vor mir, offensichtlich schlafwandelnd. Selbst dabei schnarcht er so laut, dass sich alle anderen Fahrgäste die Ohren zuhalten und schimpfen wie die Rohrspatzen. Benno fängt indes laut zu bellen an. Der Schaffner vermutet einen Notfall und leitet eine Notbremsung ein. Ich purzle dabei aus meinem Sitz, lande unsanft auf dem Boden und kriege keine Luft mehr. Irgendwer hockt sich sogleich über mein Gesicht, um mich per Mund-zu-Mund-Beatmung zu retten. Igitt, wie eklig. „Hilfe, Hilfe“, rufe ich verzweifelt und reiße die Augen auf. Dabei stelle ich fest: Ich lebe noch. So weit, so gut. Da bin ich wirklich sehr erleichtert. Erst jetzt merke ich, dass ich sogar relativ quietschlebendig auf meinem eigenen Sofa liege anstatt in der U-Bahn und es gar keinen Lebensretter braucht. Ach so, ist nur der Benno, der mich gerade sabbernd abknutscht. Damit wäre meine Bettwäsche im Eimer und Teile der Sofalandschaft auch. Hundespeichel, überall.

Knutschen grundsätzlich finde ich ja schön. Jetzt weniger von einem Benno, das ist mir dann doch zu feucht. Wenn ich jedoch an die Anfänge von Philipp und mir zurückdenke – oh, oh, Erinnerungen werden wach. Vor lauter Knutschen hatte ich tagelang puterrot entzündete Haut um meine Mundwinkel herum. Sicher auch deswegen, da er damals Dreitagebart ziemlich schick und männlich fand. Ich übrigens auch.

„Na, Amelie, wieder mal `ne heiße Nacht verbracht“, neckten mich meine Kollegen auf der Arbeit deswegen.
„Ist doch bloß ein Ausschlag“, erwiderte ich verschämt. Nicht ohne dabei mindestens genauso rot zu werden wie meine entzündete Haut. Mein Selbstbewusstsein damals ließ noch sehr zu wünschen übrig. Ich wäre am liebsten im nächsten Mauseloch verschwunden vor Peinlichkeit. Heute würde ich ganz anders darauf reagieren und keck antworten: „Neidisch?“

Das Argument mit dem Ausschlag damals war so gesehen ja nicht mal gelogen, weil ich Lügen schon immer hasste. Von Dreitagebart kannst du als Frau richtig fetten Ausschlag bekommen, wenn du die Dinge übertreibst. Was soll ich sagen. Wir hatten es eindeutig übertrieben.

So ändern sich die Begebenheiten im Laufe des Lebens. Scheinbar zählt leidenschaftliches Küssen nicht mehr zu Philipps Vorlieben. Er bevorzugt neuerdings das Kinderkussi. Also Mundwinkel leicht anspitzen und ein schnelles Bussi auf meine Lippen hauchen, das so zaghaft ist, dass ich es kaum spüre. Doch Leidenschaft ist jetzt nicht das vorrangige Thema an diesem Morgen. Erst mal habe ich drei andere wichtige Herausforderungen zu lösen: Mein Äußeres in Richtung konferenztauglich zu verwandeln, danach mit Herrn Bankdirektor zu verhandeln, um am Abend nahtlos in die Verhandlungen mit Marie einzusteigen. Die 10 Millionen zu kriegen, wird im Vergleich dazu sicher ein Klacks.

„Amelie, Kaffee ist fertig, kommst du?“, ruft Philipp herzallerliebst aus der Wohnküche, als sei nichts gewesen. Na, der hat vielleicht Nerven.

„Ich komme gleich“, antworte ich so erschöpft, wie ich es von mir gar nicht kenne. In der Küche scheppert es, als fände ein Polterabend darin statt. Wenn ich richtig vermute, räumt Philipp aber nur die Spülmaschine aus. Er hat dabei sein eigenes System, und das macht für gewöhnlich Lärm. Stört mich ansonsten überhaupt nicht. Heute morgen bin ich allerdings schon recht empfindlich, denn mein Kopf platzt vor Schmerzen. Ich schleppe mich die Treppen ins Bad hinauf. Hoffentlich nicht schon wieder stundenlang von Marie besetzt. Ich brauche erst mal eine kalte Dusche, danach einen Kaffee, gemeinsam mit einer Kopfschmerztablette. Dann … ja dann bin ich eventuell wieder ansprechbar. Ohne Kaffee geht bei mir morgens nichts.

„Morgen Mama, gut geschlafen?“ Marie kommt freudestrahlend aus ihrem Zimmer. Sie schaut aus wie das blühende Leben. Diesen Zustand werde ich heute wohl nicht mehr erreichen, egal, wie sehr ich mich im Badezimmer gleich bemühe.
„Die drei Stunden, die von der Nacht dann noch übrig waren, schon!“, antworte ich so freundlich, wie ich das mit meinem platzenden Kopf gerade hinkriege.
„Guten Morgen Amelie“, Philipp mischt sich in die Runde. Habe ihn gar nicht die Treppen hochkommen hören. Liegt bestimmt an dem Hammer in meinem Hirn, der unaufhörlich gegen die Schädeldecke klopft.
„Gut geschlafen, mein Energiesternchen?“ An diesen Kosenamen habe ich mich inzwischen gewöhnt. Allerdings halte ich ihn heute Morgen für etwas unpassend.
„Ne, nicht wirklich!“, antworte ich wahrheitsgemäß. Schwindeleien aus Gründen der Höflichkeit liegen mir fern. Ob im ehelichen Verhältnis oder in der Firma.
„Mama sagte zu mir eben was anderes“, protestiert Marie.

Ich verlasse die schöne Zusammenkunft. Die Unterhaltung führen wir vielleicht besser an einem geeigneteren Ort fort. Erst mal ins Bad. Die Schrankschublade meiner gestrigen Ohrstöpsel-Suchaktion steht noch offen. Hat scheinbar niemanden bis jetzt gestört. Ich schließe die Lade, in der wild durcheinander Krimskrams liegt. In dieser hier sammeln sich inzwischen zwei Großpackungen Ohrstöpsel, Philipps Nassrasierer, ein Stück unbenutzte Seife – Weihnachtsgeschenk von Mutti, aber sie riecht ekelhaft. Außerdem einige Flasche ausgetrocknete Nagellacke, zwei Feuerzeuge, eine Kerze, ein paar Wattestäbchen und mindestens sechs verschiedenfarbige Kajalstifte. Allesamt von Marie. Sie befindet sich derzeit in der Ausprobierphase, inwieweit grellbunte Farben ihr Gesicht verschönern könnten.

Aus den Augenwinkeln heraus fiel mir beim Schließen etwas auf, das mir komisch vorkam. Als ob in so einer Chaos-Schublade überhaupt irgendwas komisch anmuten könnte. Ich öffne sie erneut. Tatsächlich! Hinten links neben einer Packung Tampons liegen zwei Kondome. Glücklicherweise unbenutzt.

„Was machen die in meiner Schublade?“, frage ich mich verwirrt. Völlig sinnlos, denn die Antwort darauf kann ich ja nicht wissen. Dafür sind andere hier im Haushalt lebende Personen zuständig. Ich tippe auf Marie. Wer auch sonst.

Philipp? Steckt statt Marie womöglich Philipp dahinter? Mein Kopf gelangt vom Hämmern-Stadium in Richtung Betonmischwerk. Da er im erotischen Eheleben mit mir ganz sicher keine braucht, geht plötzlich meine Phantasie mit mir durch. Das funktioniert, wie ich sehe, auch bei Kopfscherzen und Schlafmangel phänomenal. Ich bin zeitweise auf Geschäftsreise. Nie länger, aber für eine Übernachtung, das kommt schon gelegentlich vor. Was, wenn er eine andere hat? Eifersucht war bisher kein Thema für mich. Heute scheint’s schon. Ich fühle mich innerlich wie eine Furie.

„Bleib ruhig, Amelie, die Kondome gehören Marie!“, versuche ich meine Emotionen in den Griff zu bekommen. „Außerdem bist du nur übermüdet, sonst nichts.“ Ich atme dreimal tief durch. Atmen hilft. Die meisten meiner gedanklichen Dämonen lassen sich damit wieder verscheuchen. Ein paar ganz hartnäckige von ihnen spüle ich unter der Dusche mit eiskaltem Wasser den Abfluss hinunter. Weg damit!

Mit klappernden Zähnen und Handtuch um den Kopf gewickelt komme ich aus der Dusche. Ich streife meine weiße Spitzen-Unterwäsche über. Die Kälte hat einige meiner Lebensgeister erweckt. Ich kann mich nun also der optischen Verschönerung zuwenden und suche mein Make-up. Es liegt sonst immer an derselben Stelle.

„Marie, hast du mein Make-up gesehen?“ Ich stecke meinen Kopf zur Badezimmertür raus und hoffe auf eine schnelle Antwort. Die Zeit drängt.
„Liegt auf meinem Nachttisch“, kriege ich prompt zur Antwort. Nur mit Unterwäsche bekleidet, flitze ich hurtig ins Maries Zimmer. Nebenbei sammle ich von ihrem Nachttisch diverse andere Utensilien mit ein, die ich eindeutig als die meinen identifiziere.

„So langsam siehst du einigermaßen salonfähig aus“, beruhige ich mich selbst, als ich die erste Schicht Make-up aufgetragen habe. Etwas Puder und Wimperntusche vollenden das Werk. Ich nutze selten mehr, da bin ich ganz unkompliziert. Und ehrlich gesagt auch etwas faul.

„Ameeeeeelllllieeee, Kaffee wird kalt!“ Meine Güte, was für eine Hektik heute. Ich komm ja schon. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel und ich stelle fest: Zwar nicht perfekt, aber annehmbar. Ich gehe jedoch davon aus, dass diese feinen Nuancen einem Mann sowieso nie auffallen würden. Meine Vorstandskollegen und Herr Bankdirektor sind durchweg Männer. Die haben zwar schon ein Auge für schöne, gepflegte Frauen. Aber die Details? Um Himmels willen! Für die kleinen Details der fraulichen Schönheitsgeheimnisse fehlt ihnen doch wirklich der Blick.

„Da bist du ja endlich“, begrüßt mich Philipp ungeduldig und gießt mir netterweise den Kaffee ein. „Endlich“ ist gut. Ich war höchstens 15 Minuten im Bad. Eine Zeitspanne, die wenig Frauen so hinbekommen würden.
„Fällt dir nichts auf?“, frage ich ihn direkt. Ich wundere mich, dass er zu Benno noch keinen Piep sagte. Der sitzt unmittelbar neben ihm und sabbert vor sich hin.
„Was meinst du?“ Unschuldiger Blick von links.
„Ja, Mama, was meinst du denn?“ Unschuldiger Blick von rechts.
„Wuff!“ Kommentar dazu vom Zielobjekt.

Ich kaue gerade an meinem Marmeladebrötchen. Kirschmarmelade, selbst gemacht vom letzten Frühjahr.

„Jetzt sag schon, was du meinst?“ Teenager haben einfach keine Geduld. Ich schlucke meinen letzten Bissen hinunter, begleitet von einem Schluck Kaffee. Stark, schwarz, ohne alles.
„Ich meine ihn hier!“
„Ach so, ihn“, antwortet Philipp kurz angebunden, als sei die Sache damit gegessen.
„Papa weiß über Benno längst Bescheid!“ Hätte ich mir denken können. Marie war schon immer ein Papa-Kind und vertraut sich in allen Belangen daher meist erst ihm an, bevor sie zu mir kommt.

Während ich den nächsten Bissen meines Brötchens verarbeite, schaue ich unauffällig auf die Uhr. Ich muss gleich los. Philipp demnächst auch und Marie zur Schule. Daraus ergibt sich ein 80 Kilogramm starkes Problem, denn Benno hat sicher noch nichts vor heute. Wer kümmert sich? Ist ja mal wieder klar, dass daran niemand dachte.

„Wo soll er hin?“, spreche ich die Sache an.
„Du sagtest doch, wir können ihn behalten?!!“ Wieder mal wunderbar die Tatsachen verdreht. Marie beherrscht das meisterlich.

Sie schaut dabei ihren Vater an.
Philipp schaut mich an.
Ich schaue Benno an, der wohl gerade einen kleinen Ausflug ins Obergeschoss hinter sich hat. Im Maul einen von Maries Lieblingsschuhen. Wie mir scheint, für die Zukunft unbrauchbar. Aus Bennos Blick spricht die Unschuld in Person, Marie kreischt laut auf.

„Siehst du? Genau das meinte ich. Wo soll er heute tagsüber hin?“
„Ich bleibe zu Hause!“ Wieder eine von Maries lustigen Ideen.
„Ganz sicher nicht. Ihr schreibt heute Mathearbeit!“
„Na, und? Benno ist wichtiger.“

Philipp enthält sich der Sache vorsichtshalber und wartet ab. Das ist ihm zu viel weiblicher Energie, die in solchen Momenten gern überschwappt.

„Du gehst zur Schule, ich bringe Benno derweil zu meinen Eltern. Heute Abend sprechen wir!“, bestimme ich. Konsequenz und klare Ansagen helfen selbst in den ausweglosesten Situationen. Der Beweis, wie gut diese Methode funktioniert, folgt sogleich. Marie erhebt sich wortlos vom Tisch, holt ihre Jacke und Tasche. „Tschüss Mama, bis heute Abend.“

Hat dieser Hund auch irgendwo eine Leine? Ich suche im Wohnzimmer, im Flur und werde erst in Maries Zimmer unter der Bettdecke fündig. An Tagen wie diesen hat es enorme Vorteile, wenn die Eltern schräg gegenüber wohnen. Ich spare mir damit viel Zeit, die ich nun mit Suchen der Leine unnötig verplempere.

„Du willst ihn zu Trudchen und Karl bringen?“ fragt Philipp entgeistert. Ich stehe mit Benno an der Leine in der Wohnküche, der die neuesten Entwicklungen schwanzwedelnd befürwortet.
„Hast du eine bessere Idee?“ Rücksprache zu halten, ist schon wichtig. Philipp ist in die Denkphase übergegangen. Ich erkenne das daran, dass er sich mit dem Zeigefinger über die Stirn streicht. Bis ein eventuelles Ergebnis vorliegt, kann ich heute nicht warten. Himmelherrgott, ich muss zur Arbeit!

„Philipp, wir sehen uns heute Abend.“ Ich bin in Eile. Und ja, mir ist natürlich klar, dass ein Bernhardiner und meine Eltern nicht das perfekte Trio sind. Sie hatten früher nur zwei Wellensittiche. Die waren sehr pflegeleicht und hatten keine Lefzen. In Notsituationen aber sollte die Familie zusammenhalten. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern das verstehen werden. Und ihr Garten ist ja riesig.


FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 4 …