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2. Kapitel: Männlicher Überraschungsgast

 

2. Kapitel: Männlicher Überraschungsgast

Mein Hörsinn ist überdurchschnittlich gut ausgeprägt. Daher wurde ich als Schülerin auch immer von den anderen vorgeschickt, an der Lehrerzimmertür zu lauschen. Ich sollte dadurch für uns elementar wichtige Dinge herauskriegen. Beispielsweise die Inhalte der nächsten Mathearbeit. Hat leider nicht geklappt. Am Ende konnte ich meinen Klassenkameraden nur zwei Infos übermitteln: Dass Frau Buchteheide wohl große Eheprobleme zu Hause hat und eine Scheidung erwägt. Und über die Essgewohnheiten unseres Biologielehrers hätten wir nach meinem Lauschangriff ein zweistündiges Referat halten können. Dermaßen ausgiebig wurde von den Lehrerkollegen seine vegetarische Grundhaltung diskutiert.

Gute 35 Jahre später dasselbe Spiel. Und das hat seine Gründe. Ich lausche an der Tür meiner Tochter. Würde ich unter normalen Umständen nie und nimmer machen. Heute sehe ich mich dazu gezwungen. Inzwischen ist es halb zwei durch, mitten in der Nacht also mitten in der Woche. Ich bin noch immer hundemüde und morgen wartet auch immer noch diese verdammt wichtige Sitzung auf mich. Und würde Philipp nicht so schnarchen, wäre ich nie auf dieses seltsame Fiepen aus Maries Zimmer aufmerksam geworden. Dem will ich natürlich sofort auf den Grund gehen. Nur: Wie mache ich das jetzt? Auf den Gedanken, doch einfach mal reinzugehen und nachzuschauen, komme ich im ersten Moment nicht.

„He, lass mich los“, höre ich von drinnen. Eindeutig Maries Stimme. Was ist da los? Marie in Gefahr? Einbrecher im Zimmer? „Amelie, konzentrier dich. Du brauchst einen Plan“, rede ich mir gut zu. Ganz schlecht, wenn dir der Schlaf fehlt und dein Mutterherz in Sorge ist. Bei „Kind in Gefahr“ kann sich keine Mutter der Welt mehr konzentrieren. Auch wenn ich sonst ein gelassenes Wesen bin.

„Überraschungseffekt, Taschenlampe, Einbrecher überrumpeln“, ist alles, was mein Hirn gerade noch so zusammenkriegt. Ja, ein guter Plan, resümiere ich in Sekundenschnelle. Wo aber kriege ich auf die Schnelle eine Taschenlampe her? Ich meine mich zu erinnern, dass auf der Kommode im Flur eine liegt. Hatte ich vorhin bei meinem Stolperunfall aus den Augenwinkeln heraus gesehen. Glaube ich jedenfalls. Ich schaue nach und tatsächlich: eine Taschenlampe! Mein Bettzeug ist inzwischen die halbe Treppe hinuntergerutscht. Was interessiert mich das jetzt, wo ein Einbrecher im Zimmer von Marie ist. Dabei gibt es da drin ja rein gar nichts für ihn zu holen. Außer eine Menge Schminkzeug, diverse Taschen und einen Stapel Schulhefte.

„Autsch, du sollst mich nicht beißen!“ Marie???? Mein Kind, halte durch, ich bin gleich da! Es wird brenzlig, bloß keinen Fehler machen. Man weiß ja nie, wie ein überrumpelter Einbrecher reagiert. Dass die ihre Opfer auch beißen, habe ich noch nie gehört. Aber die kommen womöglich auf die verrücktesten Ideen bei ihren Raubzügen.

„Schluss jetzt!“, Maries Stimme klingt wütend.
„Mädchen, den Einbrecher nicht auch noch provozieren“, denke ich mir besorgt. Woher soll eine 17-Jährige aber auch wissen, wie man in brenzligen Situationen mit dem Gegenüber am besten verhandelt. Einmal tief durchatmen, Taschenlampe in der rechten Hand, in der linken die Türklinke. Eine Sekunde später stehe ich in Maries Zimmer. Ein Riesenschrecken für sie, der ihr ins Gesicht geschrieben steht.

„Mama!?!“ Maries Stimme ist schon naturgegeben recht hoch, doch so schrill wie jetzt habe ich sie noch nie schreien hören. Mir platzt beinahe das Trommelfell. Ich habe jedoch keine Zeit, mich an derlei Nebensächlichkeiten festzuhalten. Schon gar nicht, als ich einen relativ großen Hügel entdecke, der sich unter ihrer Bettdecke abzeichnet. Mir wird ganz anders, auch wenn mir sofort klar ist, dass es sich um keinen Einbrecher handeln wird. Kein Einbrecher, Gott sei Dank! Mein geistiges Auge spult indes einen anderen Film ab, den ich unwesentlich besser finde. Ich sehe bereits einen nackten Jüngling Maries Bett entsteigen. Das will ich bitte nicht mit ansehen müssen. Zumindest trägt Marie obenrum ein T-Shirt, das beruhigt mich etwas. Das kann untenrum ja aber ganz anders aussehen. Sie versucht hektisch, diesen Hügel irgendwie vor mir zu verstecken. Das beflügelt meine Phantasie zusätzlich.

„Marie, was machst du da?“, frage ich so beherrscht wie möglich.
„Nichts!“, antwortet Marie und tut so, als sei alles in Butter.
„Marie, es ist halb zwei Uhr in der Nacht. Du bist in deinem Bett, und das offensichtlich nicht alleine!“ In dem Moment bewegt sich der Hügel verdächtig. Da merkt auch Marie, dass Leugnen nichts mehr bringt und grinst mich verschmitzt an.

„Wie heißt er?“, frage ich geraderaus. „Benno“, antwortet Marie mit diesem gewissen Blick. So schauen Teenager nur, wenn sie verliebt sind. Sie rollen dann die Augen und legen den Kopf verschämt auf die Seite.
„Wie lange kennt ihr euch schon und möchte Benno mir vielleicht endlich auch mal guten Tag sagen?“ Gewohnheitsgemäß versuche ich die Sache sehr direkt, aber bedacht aufzulösen. So was musst du einfach beherrschen, wenn du mit Männern am Verhandlungstisch sitzt und deine Ziele durchsetzen willst.

In dem Moment fliegt die Bettdecke in hohem Bogen vom Bett. Schrecksekunde! Im nächsten Moment hüpfen 80 Kilogramm Hund auf mich zu. Offensichtlich ein ausgewachsener Bernhardiner. Seine riesigen Ohren flattern regelrecht, als er auf mich zustürmt. Und seine Lefzen erst. Himmelherrgott, wie kann ein Hund nur solche riesigen Lefzen haben?

„Mama, ist er nicht süüüüüüßßßß?“, ruft es vom Bett aus, während Benno netterweise kurz vor mir abbremst und Sekunden später freudig seine Pranken auf meine Schultern legt. In dem Moment wird mir erneut klar, wie hilfreich ein sportlich durchtrainierter Körper sein kann. Ich halte dem Überfall stand und bekomme zum Dank einen dicken Hundeknutsch – inklusive Zunge, mit der er mir dabei einmal quer übers Gesicht schleckt.

Ich versuche die Situation zu begreifen. Dazu brauche ich erstens alle meine Sinne und zweitens ein bisschen Atemluft. Mit einem 80-Kilogrammm-Koloss um den Hals nicht so einfach. Ich schubse ihn dezent von mir und ordne meine Gedanken. Lässt er sich prima gefallen und setzt sich direkt vor mich. Dabei wedelt er mit seinem Schwanz, als würde er für seine Heldentat ein Leckerli zur Belohnung erwarten.

„Marie, was macht dieser Hund bei uns? Wo kommt er her und was hat das bitte alles zu bedeuten?
„Nicht ausflippen jetzt Mama, okay?“, beginnt Marie ihren Antwortversuch. Das kann ja heiter werden.
„Du kennst doch Paula, oder?“

Mein Hirn kramt angestrengt nach den nötigen Informationen. Der Name kommt mir bekannt vor.

„Och, Mama! Paula, erinnerst du dich nicht mehr?“

Langsam dämmert es mir. Paula … hm, so heißt doch die Nichte unseres Nachbarn zwei Häuser weiter. Wenn ich mich richtig erinnere, war sie in den letzten Ferien ein paar Tage bei ihm zu Besuch. Ich habe beide zufällig auf der Straße getroffen, als ich den Mülleimer rausstellte. Ein netter Mann, der Herr Nachbar. Wir kamen ins Gespräch und dabei erzählte er mir von seiner Besucherin. Sie machten gerade den Campingbus startklar, um gemeinsam an den Luganer See zu fahren. Ist wohl so Tradition, dass sie die erste Woche der Sommerferien gemeinsam campen gehen.

„Stell dir vor!“, erzählt Marie weiter. Ihre Augenbrauen ziehen sich dabei zusammen. Das tun sie immer, wenn sie wütend wird. Je tiefer die Falten, desto mehr kocht sie innerlich. Momentan scheint noch keine größere Explosion in Sicht.
„Diese blöde Kuh wollte ihn einfach ins Tierheim abschieben. Also nicht die Paula, sondern ihre Mutter.“
„Nana, Marie, ich möchte bitte nicht, dass du so über jemand sprichst. Egal, was diese Frau in deinen Augen verbrochen hat. Aber was ist denn nun eigentlich passiert?“

Marie ist total aufgeregt. Erst Minuten später kapiere ich nach wirren Erzählungen so viel: Paulas Mutter wollte unbedingt einen Bernhardiner haben. Also kaufte sie ihn als kleinen süßen Welpen beim Züchter. Inzwischen sabbert er ordentlich, daher soll er ab ins Tierheim. Und das möchte Paula unter allen Umständen verhindern. Dabei kommt Marie ins Spiel. Sie wollte ihn bei uns verstecken. Sehr witzig! Wie sollte das gehen, frage ich mich gerade? Für eine Maus fänden sich bei uns ganz bestimmt eine Menge toller Verstecke. Vielleicht auch für einen Chihuahua. Wie Marie das mit einem Bernhardiner anstellen wollte, würde ich nun schon gerne wissen. Bei einem Blick auf die Uhr wird mir klar, dass ich die Antwort darauf besser vertagen sollte.

„Wir können ihn doch behalten, oder Mama?“, unterbricht Marie meine Gedankengänge. Auch das noch …
„Wir reden morgen Abend darüber, okay? Lass uns schlafen gehen. Etwas Besseres fällt mir im Moment auch nicht ein. Ich vertraue meinem Improvisationstalent und Verhandlungsgeschick. Beides hat mich bisher noch nie im Stich gelassen. Bis morgen sollte mir beides eine grandiose Idee geliefert haben, sonst könnte das Ganze schlimm enden. In erster Linie für mich als Mutter, die ihrem halbwüchsigen Kind mal wieder dessen hirnrissigen Pläne durchkreuzen muss.

„Gute Nacht Mama“, flüstert mir Marie selig zu, die sich schon im siebten Hunde-Himmel wähnt. Ich verlasse den Ort des Geschehens, krame im Badezimmerschrank noch schnell nach frischen Ohrstöpseln. Sicher ist sicher. Danach falle ich erschöpft auf die Sofalandschaft. Meine rosa Blütenbettdecke begleitet mich zusammen mit dem leisen Ticken unserer Standuhr im Wohnzimmer in den Schlaf. Noch drei Stunden, bis der Wecker klingelt.

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 3 …