Image Alt

19. Kapitel: Bergwanderung inklusive Sündenfall

 

19. Kapitel: Bergwanderung – inklusive Sündenfall

Verdächtige Stille zu Hause. Sehr verdächtig! Marie ist vermutlich nicht da und auch in den unteren Gemächern dringt kein Zeichen an meine Ohren, das auf Leben hindeuten würde. Vielleicht musste Philipp noch mal weg.

 

„Was machst du denn schon hier?“ Eine männliche Stimme klingt an meine Ohren. Für meine Begriffe etwas zu panisch. Philipp sitzt am Küchentisch und klappt hektisch sein Laptop zu, als ich um die Ecke biege. Er sieht aus, als habe er eben ein Gespenst gesehen. Dabei bin es doch nur ich: seine Ehefrau seit sehr langer Zeit diejenige, die regelmäßig abends im trauten Heim erscheint. Eine total normale Situation also und entsprechend nichts, was meinen Ehemann an diesem Donnerstagabend in Unruhe versetzen müsste. Unruhe ist noch untertrieben. Er ist außer sich vor Schreck. Eine leere Kaffeetasse steht rechts des Laptops. Ein leerer Teller mit ein paar Bröseln drauf direkt davor. Soweit wiederum ein recht alltägliches Bild, wenn da nicht die halbvolle Colaflasche in seiner linken Hand wäre. Philipp trinkt nie Cola. Offensichtlich möchte er etwas vor mir verstecken. Das lässt in der Summe die einzig logische Erklärung zu: Irgendwas ist hier doch mal wieder im Busch.

 

„Hallo Philipp, ich habe Feierabend. Schon mal auf die Uhr gesehen?“
„Oh, schon sieben durch?!“

 

Ja, die Zeit rast manchmal, geht mir auch so. Außer an Tagen wie diesem. Da ziehen sich die Minuten wie Kaugummi. Davon scheint Philipp heute Nachmittag nicht betroffen gewesen zu sein, im Gegensatz zu mir.

 

„Alles okay mit dir?“ Nachfragen kann ja nicht schaden. Nur wer fragt, bekommt auch Antworten.

„Ja, bestens. Und bei dir?“ Diese Worte wiederum sind so nichtssagend wie die Angaben im Telefonbuch. Ich habe noch eines aus dem Jahre 1997 im Schrank liegen. Warum, weiß ich irgendwie auch nicht. Was ich aber ganz sicher weiß: Der Inhalt hat null Aussagekraft. Es sei denn, man hat ein Faible für Nachnamen und Ziffern. Wenn du jetzt aber beispielsweise wissen willst, wie vor 60 Millionen Jahren aus Landtieren unsere heutigen Wale wurden, kommst du mit dem Input nicht weit. Mit Philipps Input geht es mir gerade genauso. Ich bin nur viel zu k.o., um den Dingen hier und heute auf den Grund zu gehen. Also passe ich mich seinen Gepflogenheiten des niederen Smalltalks an.

 

„Geht so. Daher fahre ich mit Florence morgen drei Tage in die Berge.“

„In die Berge? Ach, das ist ja eine schöne Idee.“

 

Bis ich gegessen und meinen Koffer gepackt habe, wird es dauern. Ich schätze bis mindestens elf. Ich brauche da recht lange, weil ich mich nie entscheiden kann, was ich alles mitnehmen soll. Wenn ich dann endlich in Bett liege, vergeht mindestens eine Stunde, bis ich eingeschlafen bin. Das liegt daran, dass mein Kopf um diese Uhrzeit noch mal auf Hochtouren läuft und mit mir gemeinsam alles durchkauen will, was wichtig oder auch völlig unwichtig ist. Um drei Uhr klingelt der Wecker, damit ich bis zur geplanten Abfahrt um vier fertig bin. Vielleicht mache ich einfach gleich durch. Ich kann ja im Auto schlafen – nachdem ich Florence von sämtlichen Neuigkeiten und damit auch dem Grund unserer Spontanreise berichtet habe.

 

„Ja, eine sehr schöne Idee. Und so spontan.“ Eine perfekte Antwort meinerseits für einen perfekt belanglosen Smalltalk wie den unsrigen. Philipp atmet hörbar auf. Meine Zeitnot und angeschlagene emotionale Verfassung retten ihn. Aber nur kurzfristig.

 

Auf dem Herd steht eine große Portion Lasagne. Dahingehend bin ich Philipp wirklich dankbar. Seine Fähigkeiten als aufmerksamer Koch sind phänomenal. Ich mache mir die ganze Portion warm und esse sie komplett auf. Er beobachtet mich dabei wie eine tickende Zeitbombe. Bin ich ja auch. Zumindest kann ich aber mit 100-prozentiger Gewissheit voraussagen, dass die Bombe heute nicht mehr platzen wird. Nächste Woche vielleicht. Eins nach dem anderen, und das bitte immer schön der Dringlichkeit entsprechend. Kofferpacken halte ich unter den gegebenen Umständen für weitaus dringlicher.

 

„Ich gehe dann mal hoch.“

Philipp nickt nur und stört sich überhaupt nicht daran, dass ich den leeren Teller und auch die leere Auflaufform in der Küche herumstehen lasse. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass eingetrocknete Lasagne-Reste ganz schlecht vom Geschirr wegzukriegen sind. Selbst die Spülmaschine im Superspülgang kommt da an ihre Grenzen. Es gibt Zeiten, in denen Perfektionismus einfach nicht angebracht ist. So wie jetzt. Ich überlasse das Geschirr seinem Schicksal und mich auch. Und als hätte mir jemand aus einer anderen Welt seine hilfreiche Hand gereicht, liege ich um halb elf tatsächlich schon im Bett. Mein gepackter Koffer steht neben mir und ich schlafe bereits wie ein Murmeltier. Insofern bin ich mit dem Ablauf komplett einverstanden. Lediglich an der Auswahl meiner Träume könnte die helfende Hand noch arbeiten. Nur wirres Zeug. Da bin ich fast schon erleichtert, dass ich viereinhalb Stunden später schon wieder aufstehen darf.

 

„Morgen Florence“, flüstere ich. Total bescheuert, denn ich steige gerade in ihr Auto. Florence dreht die Musik leiser. „Was sagtest du? Guten Morgen Amelie. Na, gut geschlafen?“ Erst jetzt wird mir klar, dass ich wieder so laut sein kann, wie ich will, ohne damit jemanden unverhofft aufzuwecken. Florence sieht aus wie das blühende Leben. Das möchte sie mir und auch der Welt unter anderem damit vermitteln, indem sie eine Bluse in lustigem Sonnenblumenprint trägt. „Wir fahren in die Berge, nicht zum Ballermann“, erwähne ich vorsichtshalber. „Schon klar, aber erzähl doch mal, was ist los?“ Ich habe mich noch nicht mal angeschnallt, geschweige denn alle Sinne beisammen. Dennoch bringe ich großes Verständnis für Florence auf. Neugierde kann grausam sein. Vor allem, wenn sie stundenlang Zeit hatte, sich in alle Richtungen auszubreiten. „Gib mir bitte 10 Minuten.“ Ich wirke leicht gequält. Und das hat seinen logischen Ursprung, denn ich fühle mich auch so. Als wir die Autobahnauffahrt erreicht haben, bin ich so weit. Ich erstatte einen groben Übersichts-Bericht.

 

„Das hat der wirklich gemacht?“ Florence ist erschüttert. Und ich erst.

„Ja, das ist tatsächlich so.“

 

Ich rechne hoch, wie viele Mitarbeiter allein in meiner Abteilung Zeitverträge verpasst bekommen haben. Mindestens die Hälfte. Es wird also bald sehr leer werden in den Büros und auf dem Flur. Und auch in meinem Vorzimmer.

 

„Uns wird was einfallen!“, ist sich Florence sicher. Sie wirkt absolut überzeugt. Ich bin gerade allenfalls davon überzeugt, dass wir in spätestens sechs Stunden in Innsbruck ankommen müssten. Florence heutigem Fahrstil nach zu urteilen wohl deutlich früher. Auf Höhe Würzburg stellen wir fest, dass wir ein Frühstück vertragen könnten. Da kommt das Schild „Rasthof Würzburg Süd“ gerade recht. Bei einem Kaffee und reichlich Marmelade, auf zwei Brötchen verteilt, unterhält es sich sowieso viel angenehmer. Wir belagern den Tisch gleich rechts neben dem Eingang. Das geschieht unfreiwillig. Scheinbar haben alle Reisende auf der A3 gerade gleichzeitig Appetit bekommen. Das Restaurant ist brechend voll. Nun gut, zumindest der Überblick der Kommenden und Gehenden ist top. Fast wie Reality TV, nur viel realer.

 

„Und was ist noch?“ Florence löffelt gerade die zweite Schale Müsli nieder. Ich halte mich lieber an Vollkornbrötchen. Für die zweite Hälfte meines ersten Brötchens öffne ich bereits die vierte Marmelade-Einmalpackung. In den Dingern ist einfach zu wenig enthalten. Da musst du auf deinem Brötchen ja mit der Lupe nach suchen gehen. Mein Zuckerpegel ist dank einer Menge verbrauchter Einmal-Marmeladen auf einem guten Niveau. Das gefällt meinen Lebensgeistern, die langsam zurückkehren. Außerdem liegen bereits gute 120 Kilometer zwischen mir und allen diesen Problemen. Ziemlich weit also und mit diesem Sicherheitsabstand lassen sich auch heikle Dinge mal kurz ansprechen.

 

„Udo!“ Ich weiß, dass diese Antwort für Unbeteiligte kaum hilfreich ist.

„Welcher Udo, wann und was noch?“

 

Florence Fragetechnik entspringt unseren Grundschulzeiten. Wir saßen damals auf den Schaukeln am Spielplatz um die Ecke. Die Sitzbänke waren aus blauem Plastik und bogen sich dermaßen durch, dass sich kein anderes Kind außer uns darauf sitzen traute. Stundenlang schaukelten wir während unserer Nachmittage dahin. Andere würden von den ständigen Richtungswechseln plemplem. Unsere Gleichgewichtsorgane jedoch kamen mit den permanenten linearen Beschleunigungsparametern super klar. Daher hatte unser Oberstübchen noch ausreichend Kapazitäten übrig, um sich lustige Fragetechniken und anderen Schwachsinn auszudenken. Wir beherrschen sie noch heute – aus dem Stehgreif und auch mit halbvollem Mund.

 

„Dachdecker aus Frankfurt, blaue Augen, knackiger Hintern, freche Schnauze. Ich muss ständig an ihn denken.“

 

Damit führe ich Florence zumindest grob in die thematische Richtung. Sie merkt schnell, dass wir zurecht ein ganzes Wochenende in den Bergen verbringen. So lange wird es bestimmt brauchen, bis wir mit dem Thema durch sind. Männerthemen brauchen immer länger. Und die Sache mit Brigitte und Co. ist damit ja auch noch nicht besprochen. Wortlos wissen wir daher sofort, was zu tun ist. Wir räumen unsere leeren Tabletts hurtig in die Ablage, rennen zum Auto. Florence drückt aufs Gas. Alles nur, damit wir schneller in den Bergen sind. Umso mehr Zeit bleibt zum Erörtern der wichtigen Angelegenheiten.

 

Dank Florence Fahrkünsten und ihrem 180 PS starken Gefährt schaffen wir es von Würzburg aus in dreieinhalb Stunden bis zu unserem Hotel. Neuer Rekord! Ein robustes Gleichgewichtsorgan wie das unsere hat ­eine Menge Vorteile. Es muckt kein bisschen bei den Beschleunigungsvarianten, die sich auf der Autobahn dadurch ergeben.

 

„Kleine Wanderung, jetzt gleich?“ Florence hat es nach wie vor eilig. Ja, warum nicht. Wir haben zwar vor zehn Sekunden erst unsere Koffer im Zimmer abgestellt. Aber von mir aus kann’s losgehen. Hauptsache, wir können noch von irgendwoher etwas Essbares in unsere Wanderrucksäcke packen. Ich krame schon mal meine Wanderhosen aus dem Koffer. Florence verhandelt derweil mit der Rezeption nach zwei größeren Carepaketen für unseren Ausflug. In einer Viertelstunde sollen sie abholbereit unten liegen. Wegen unserer Eile und auch einer Portion Ungeduld stehen wir schon zehn Minuten vor dem geplanten Abholtermin an der Rezeption herum. Und tatsächlich, die Küche hat ein ähnliches Tempo drauf wie Florence. Fünf Minuten später bekommen wir unsere Pakete überreicht. Wunderschön verpackt und mit den besten Wünschen der Küchencrew. Das Wochenende verspricht zumindest kulinarisch ein Highlight zu werden.

 

„Wohin wandern wir denn?“ Wäre ja auch mal interessant, zu erfahren. Florence schreitet zielstrebig voran, als wüsste sie genau, wohin es geht.

 

„Zur Umbrüggler Alm!“ Aha, sagt mir jetzt nichts, obwohl ich schon oft hier war.

„Dort gibt es voll die leckeren süßen Sünden“, erklärt Florence weiter. Sie hat wohl die Befürchtung, dass unsere stattlichen Carepakete nicht ausreichen könnten.

„Und eine grandiose Aussicht!“ Das ist mindestens genauso wichtig, wenn man in den Bergen unterwegs ist. Ich hoffe auf einen maximal mittleren Schwierigkeitsgrad unserer Tour. Wir wollen nebenbei ja ein paar Probleme lösen.

 

„Was mache ich bloß wegen Brigitte!“ Ich lege los mit Thema No. 1. Eine knappe Stunde soll die Tour von der Hungerburg aus dauern. Zuzüglich einer Stunde, bei der wir es uns dort oben mit den leckeren Sünden gut gehen lassen, einer weiteren Stunde wieder retoure. Dabei müsste doch irgendein vernünftiges Ergebnis herausspringen. Meine Zuversicht kehrt zurück, wenngleich ich mich emotional immer noch verdammt mies fühle. Ich kann mir das nicht erklären. Solche Stimmungstiefs sind mir fremd.

 

„Hat sie auch einen Zeitvertrag?“ Florence versucht unserem Gespräch zu folgen, während ich versuche, mit ihrem Tempo Schritt zu halten. Meine Güte, woher hat sie nur die Energie heute? Zu viel Spinat gegessen gestern? Das ist insofern auch ein physikalisches Phänomen, da ihre Beine viel kürzer sind als meine. Wenn ich einen Schritt mache, braucht sie für dieselbe Schrittlänge zwei. Und trotzdem ist sie viel schneller als ich.

 

„Ja, und sie bekommt ein Baby. Ein auslaufender Zeitvertrag bedeutet somit kein Elterngeld und keine finanzielle Absicherung.“

 

Florence, die erneut fünf Meter voraus ist, dreht sich zu mir um. „Vielleicht machen wir erst mal Rast und essen unser Carepaket“, schlägt sie vor. Die beste Idee von allen. Damit werden wir es zwar kaum in einer Stunde auf die Alm schaffen. Zeitliche Rekorde zu brechen, ist heute aber auch wirklich nicht das vordergründige Ziel.

 

Wir beißen genüsslich in die leckersten belegten Brötchen, die ich je gegessen habe. Sie sind so dick mit den köstlichsten Gaben belegt, dass sie gar nicht in unsere Münder passen. Außer einer ausgeklügelten Fragetechnik beherrschen wir ebenso die Technik, wie man gut gemeinte Carepakete am effektivsten zu Munde führt.  Effektivität ist immer gut. Daher kommt Florence schon auf die nächste Idee.

 

„Ich weiß, was wir machen.“
„Wegen was?“
„Na, wegen des Problems in der Firma.“

 

Klingt äußerst verlockend.

„Und was?“
„Wir befragen dein Inneres. Es kennt die Lösung.“

 

Wie sich mich dabei anguckt, kriege ich ein bissel Angst vor ihr und dem Vorhaben. Da ich ad hoc keine Alternativen oder eigene Ideen habe, lasse ich mich darauf ein.

 

„Wie machen wir es und wo?“
„Oben!“, bestimmt sie. Alles andere soll ich auf mich zukommen lassen. Sie wüsste, was sie täte. Okay, wie beruhigend.

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 20 …