Image Alt

18. Kapitel: Tohuwabohu

 

18. Kapitel: Tohuwabohu

„Also“, beginnt Florence. Die Lösungsfindung durch mein Inneres ist in vollem Gange. Wir sitzen dazu vor unseren Sünden.

„Frage eins: Wie fühlst du dich bei dem Gedanken, dass Brigitte und alle anderen zwangsweise gehen müssen?“
„Scheiße!“ Normalerweise nutze ich diesen Ausdruck selten. Momentan beschreibt er jedoch ziemlich genau meine Emotion.

„Wie fühlst du dich, wenn du an Clemens denkst?“
„Ich könnte ihn glatt erwürgen!“ Ja, das mache ich gedanklich tatsächlich. Just in diesem Augenblick.

„Was, wenn du Brigitte einen neuen Job besorgen könntest? Woanders? Wie fühlst du dich damit?“

„So ein Quatsch!“

Die Frage kann ich wirklich nicht gelten lassen. Wer stellt schon eine kurz vor dem Mutterschutz stehende Mitarbeiterin ein? Völlig unrealistisch. Ich lege reichlich deprimiert meinen Dessertlöffel neben den Teller. Und das, obwohl meine süße Sünde noch zur Hälfte vor mir liegt. Damit erklärt mein Inneres anschaulich, was es so ganz grundsätzlich darüber denkt. Niemals würde ich je meine Mitarbeiter derart im Stich lassen. Und jetzt werde ich praktisch dazu gezwungen. Von meinem Vorstandskollegen Clemens, diesem eiskalten Idioten.

 

„Dann kündige halt!“ Florence sieht die Sache pragmatisch.
„Wie, bitte?“ Ich habe mich wohl verhört. Mein Herz kommt bei dem Satz in Aufruhr. Mein Verstand hält dagegen. Die inneren Stimmen wieder. Florence hat sie mit dem Satz aus ihren Verstecken gelockt. Jetzt tanzen alle miteinander Samba – mitten in mir drin und jede(r) in eine andere Richtung.

 

„Lass uns gehen!“ Ich habe die Schnauze voll von der süßen Sünde, den komischen Fragen und auch von Samba. Während mein Herz gedanklich schon mal die Kündigung unterzeichnet, Brigitte an die Hand nimmt und mit ihr irgendein sensationelles neues Ding dreht, schaue ich Florence böse an. Kommt selten vor, wir verstehen uns ansonsten blind. Durch diese ganze Fragerei geht’s mir noch schlechter als vorher. Dabei haben wir das heikelste aller Thema noch nicht mal angesprochen. Und dabei dreht es sich immerhin um eine weitere Sünde. Männlich und gut aussehend. Ich glaube, ich werde demnächst verrückt. Vielleicht bin ich es auch schon.

 

Abends in unseren Betten. Wir nehmen immer ein gemeinsames Zimmer, weil wir so viel zu erzählen haben. Das macht die halbe Nacht durch am meisten Spaß. Neben uns eine Schüssel Süßkram oder Chips und gern angereichert mit alkoholischen Getränken. Heute ist alles anders. Wir liegen stillschweigend in unseren Betten.

 

„Schläfst du schon?“, will Florence wissen.

„Ja!“

„Ach, komm, jetzt sei nicht so!“

„Wie bin ich denn?“

„Beleidigt!“

 

Ja, da könnte was dran sein. Vielleicht ist das eben so, wenn man verrückt wird. Ich kenne mich da überhaupt nicht aus, denn bisher war ich schon ganz viel in meinem Leben: wütend, lustig, überdreht, betrunken, verkleidet, traurig, verliebt, mutig, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, leichtsinnig, ängstlich. Aber noch niemals verrückt im Sinne von „einen an der Waffel haben“.

 

„Bing!“

 

Eine Chat-Nachricht von zu Hause funkt dazwischen.

 

„Mama, wo ist Papa?“, will Marie wissen. Ich schaue auf die Uhr. Halb elf. Eine ungewöhnliche Zeit für zwei Dinge: Dass meine Tochter die Kommunikation in der Fremde mit mir sucht und dass mein Mann nicht schon längst in seinem Bett liegt. Er ist Frühaufsteher und in Korrelation damit auch ein Früh-Ins-Bett-Geher.

 

„Hallo Marie, wie geht’s dir?“ Erst mal die Fakten checken.

„Oh, Mama. Alles bestens. Also, wo ist Papa nun?“

 

Als ob ich das im fernen Innsbruck wüsste.

 

„Sorry, ich habe keine Ahnung. Vielleicht bei Oma?“ Eine ganz dumme Idee, eine bessere habe ich allerdings nicht. Mit einem Kumpel war Philipp schon ewig nicht mehr auf Achse und auch sonst ist er eher der häusliche Typ. Für gewöhnlich braucht es eine lange Argumentationskette meinerseits, ihn von einem schönen Abend in der Stadt zu überzeugen. Und kaum bin ich weg, da lässt er die Puppen tanzen. Der Spaß sei ihm gegönnt. Als zukünftige Großeltern werden wir solche vogelfreien Freuden bald sowieso nicht mehr haben.

 

„Was gibt’s denn so Dringendes? Kann ich dir vielleicht helfen?“

„Nö, kannste nicht. Ich habe Hunger und Papa hat heute nichts gekocht!“

 

Das wird ja immer kurioser. Philipp, der leidenschaftliche Koch mit Hang zur Sammlung seltener Küchengeräte. Der Mann also, der es sich niemals freiwillig nehmen lassen würde, täglich mindestens einmal ausgiebig in der Küche zu stehen und seiner Leidenschaft nachzugehen. Zum Wohle seiner Familie. Dieser Philipp bleibt der Küche heute gänzlich wie freiwillig fern? Kann gar nicht sein! Dann ist er wohl entführt worden.

 

„Mach dir doch einfach ein belegtes Brot mit Tomate. Oder Nudelsuppe. Er wird bestimmt bald auftauchen“, versuche ich die hormonellen Wogen meiner Tochter zu glätten. Doch Marie zickt herum. Ich kann sie ein bisschen verstehen. Wer jeden Tag von den köstlichsten Speisen verwöhnt wird, für den ist Nudelsuppe aus der Tüte ein Weltuntergang. Und als ob ich jetzt schuld daran wäre, schmeißt sie mich ohne weitere Worte, zack, aus der Leitung. Ein Vorgehen, das meine Laune um weitere 10 Grad Richtung Nullpunkt führt.

 

„Was ist los?“ Florence hakt sich ein.

„Philipp ist nicht zu Hause!“

„Gibt’s doch nicht!“, ruft sie entsetzt und macht das Licht an. Sie kennt Philipp genauso lange wie ich. Daher sind ihr seine Gewohnheiten bekannt.

„Dein Philipp?“ Vorsichtshalber mal nachgefragt, ob wir vom selben Mann sprechen.

„Ja, der. Ich glaube, er ist entführt worden!“, erkläre ich seelenruhig.

„Papperlapapp! Der geht fremd!“, stellt Florence sofort eine neue Faktenlage her. Bei der Gelegenheit fallen mir die Kondome in der Badezimmerschublade ein, deren Herkunft bis heute ungeklärt sind. Komischerweise regt sich bei mir emotional dabei rein gar nichts. Nicht das Mindeste. Bestimmt deswegen, weil mein Inneres aktuell mit so vielen anderen Unstimmigkeiten fertig werden muss und dafür einfach kein Platz mehr ist.

 

„Lass uns bitte schlafen, jetzt“, schlage ich vor.

„Wie kannst du da nun schlafen wollen?“ Florence springt aus dem Bett und rennt wie ein aufgescheuchtes Huhn durch unser Zimmer.

„Hat das irgendeinen Zusammenhang mit diesem Udo?“

Sie schaut mir tief in die Augen. Darin scheint sie eine Antwort zu suchen, die ich selbst doch auch noch nicht kenne. Was soll’s. Wenn Florence angestachelt ist wie jetzt, gibt sie eh keine Ruhe mehr. Ich erzähle ihr am besten alles. Wobei so viel ja gar nicht passiert ist. Damit hätten wir sämtliche Probleme meiner kleinen Welt in nicht mal 24 Stunden durchgekaut.

 

„Und da ist nichts gelaufen?“

„Ne, nichts!“

„Ist das eine sexuelle Kiste oder bist du etwa verliebt?“

 

Schon wieder eine so schwierige Frage.

„Ich muss halt dauernd an ihn denken.“

„Okay, dann bist du verliebt!“

 

Für Florence ist die Sache sicher. Für mich ganz und gar nicht. Als ich ihr von der Begegnung in der Stadt erzähle zusammen mit Marie, können wir sogar wieder lachen. Hach, das tut gut. Lachen hilft einfach in jeder Situation.

 

„Ich habe eine Idee!“

 

Schon wieder? Florence Ideenvielfalt am heutigen Tag überfordert mich.

 

„Triff dich mit ihm und dann schau, was passiert!“

 

Ich halte die Idee für gefährlich. Was, wenn ich tatsächlich verliebt bin? Oder was, wenn wir übereinander herfallen, uns die Klamotten vom Leib reißen und in leidenschaftliche Wallung verfallen?

 

„Dann weißt du zumindest Bescheid!“ beantwortet Florence meine Bedenken so ziemlich bedenkenlos. Sehr witzig! Dann ist das Kind aber schon sehr tief in den Brunnen gefallen. Ich erkläre ihr, dass ich eine anständige Ehefrau mit Werten bin. Meinen Mann zu betrügen, passt überhaupt nicht zu mir, daher käme das für mich niemals never ever in Frage.

„Aber wenn du nun doch verliebt bist?“

„Ach, Gefühle kommen und gehen!“, antworte ich tapfer. Ich bin doch kein 15-jähriges Schulmädchen mehr, das sich jeder emotionalen Regung hingibt. Nein! Ich bin eine 49-jährige gestandene Frau, demnächst Oma, außerdem seit langer Zeit glücklich verheiratet. Ich kann ergo gar nicht verliebt sein. Das alles ist eine reine Fata Morgana.

 

„Wenn du meinst?!“ Florence schaut mich dabei an, als sei ich verrückt. Es stimmt also doch. Nun ist es soweit.

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 19 …