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17. Kapitel: “It looks like an Alien”

 

17. Kapitel: “It looks like an Alien”

Stadtbummel bei allerschönstem Wetter. Florence und ich sind auf Tour und zudem ein außergewöhnliches Gespann: Ich, die blonde, große, durchtrainierte Frau, die jeder für aus Schweden stammend hält. Florence genau das Gegenteil: klein, dunkelhäutig, schöne weibliche Rundungen. Ihre Mutter kommt aus Ghana, ihr Vater ist Ur-Bayer und sie im tiefsten Bayern geboren sowie die ersten Jahre dort aufgewachsen. Ihr Dialekt bringt jeden in Aufruhr, der jenseits der bayerischen Landesgrenze wohnt. Mich anfangs auch, doch nach langjährigem Nachhilfeunterricht verstehe ich diese für mich fremde Sprache inzwischen prima. Die dunkle Hautfarbe war für Florence in der Schule kein Zuckerschlecken. Als sie sechs war, zog ihre Familie nach Frankfurt. Noch heute haben viele Menschen komische Assoziationen, wenn sie Florence begegnen. Ich kann ihre Gedanken dabei nur erahnen, sie mögen wahrscheinlich so aussehen: Kommt direkt aus dem Urwald zu uns. Spricht kein Deutsch. Isst mit den Fingern.

 

Gutes Stichwort, denn Stadtbummel macht hungrig. Wir wollen uns beim Bäcker kalorienreiche Stärkung holen. Ich in Form von Zucker mit einer großen Schneckennudel. Florence hat Appetit auf Wurstbrötchen. Die Verkäuferin fällt in das Muster, das ich schon oft erlebt habe, wenn ich mit Florence unterwegs bin. Sie spricht extrem laut, also würde sie mit einer kranken Kuh reden. Dabei betont sie die einzelnen Wörter stark, zieht sie unnatürlich in die Länge, damit sie das Gegenüber auch ja versteht:

 

„Waaaas darrrrfff es füüüür Siiieeee sein?“
„Zwoi Wurschdsemmeln bittscheee“, bayerischer geht’s gar nicht.

 

Verwirrung hinter der Ladentheke. Suaheli oder eine andere afrikanische Stammessprache? Semmel kommt der Dame als Wort offensichtlich bekannt vor. Hat sie irgendwo schon mal gehört. Instinktiv packt sie die richtige Ware in eine Tüte und drückt sie der freundlich lächelnden Florence in die Hand. Die Bezahlung verläuft ohne weitere Komplikationen.

 

Vor dem Bäcker lachen wir schallend, bevor wir uns genüsslich über unsere Köstlichkeiten hermachen.

 

„Du, sag mal. Willst du dich tatsächlich um den kleinen Felix kümmern?“ Scheinbar hat es sich bereits im engsten Kreis herumgesprochen, dass es ein Junge wird.

„Keine Ahnung, ob ich die Nerven in meinem Alter noch für einen kleinen Schreihals habe. Aber ja, ich mach’s!“ Die Sache mit den Nerven kann Florence gut nachvollziehen. Ihr Garten grenzt an den einer Großfamilie mit fünf Kindern. Highlife, was sich da jeden Nachmittag im Garten abspielt. Inklusive einer Mutter, die meistens ein Baby auf dem Arm hat, das ihr gerade auf die Schulter kotzt, während der Älteste auf Jagd nach Regenwürmern ist. Die will er seiner Schwester mit in die Zöpfe einflechten. Geschrei hoch zehn, als er mit der Hand voll Würmer vor ihr steht. Das zweitjüngste Kind rutscht indes auf einer Tüte aus, die irgendwer der Rabauken auf die Terrassenplatten gelegt hat, und holt sich dabei blutende Knie. Ich hoffe sehr, dass ein einzelner Felix für nicht so viel Chaos sorgen wird. Vor allem Schlaf wäre mir nachts dann schon wichtig.

 

„Florence, wir reden ein andermal weiter. Ich treffe mich mit Marie gleich bei Frau Dr. Salomon. Viel Spaß noch beim Shoppen“, wünsche ich meiner Freundin und ziehe von dannen. Und als ob es eine höhere Macht so gewollt hätte, trifft mich beim Frauenarzt dann fast der Schlag. Nein, nicht wegen zwei in Frage kommender Väter, die meine Tochter im Schlepptau hat. Viel schlimmer!

 

„Mama, es wird bestimmt ein Junge. Meinst du nicht auch?“ liegt mir Marie schon wieder in den Ohren, kaum, dass wir uns vor der Praxis begrüßt haben. „Das ist übrigens Hamoudi“, stellt sie mir den Jüngling an ihrer Rechten vor. Was sagt man da jetzt als zukünftige Oma zu dem 50-prozentigen Vaterschaftskandidaten? „Hi Amoudi, I‘m Amelie. Nice to meet you.” Damit kann man gewiss nichts falsch machen. „Lasst uns hochgehen“, drängelt Marie. „Oh, a good Doctor“, gibt Hamoudi seinen Senf dazu, als wir die Praxistür öffnen. „Kann ich mit in den Untersuchungsraum kommen?“ Herbert meldet sich nun auch zu Wort. Und ich mittendrin, die nicht weiß, was sie zu alledem noch sagen soll.

 

„Wir haben einen Termin“, erklärt Marie der Sprechstundenhilfe. Etwas zu laut, wie ich finde. Wir ziehen die Aufmerksamkeit der gesamten Praxis auf uns. „Gehören Sie alle zusammen?“, fragt die Angestellte irritiert. Egal wie, wir werden dennoch ins Wartezimmer gebeten. Ich gehe voran. Und das ist auch gut so. Entsprechend schnell kann ich handeln, als meine Augen dieses Drama erblicken. Das muss man sich mal vorstellen: Meine beiden Hände würden nicht ausreichen, um die Frauenarztpraxen in und um Frankfurt aufzuzählen. Und dann sitzt ausgerechnet hier auf dem Stuhl hinten am Fenster Tratschtante Maier. Weltuntergang in meinen Gesichtszügen.

 

„Marie, geh sofort wieder raus. Nimm die Väter mit. Ich melde mich per Chatnachricht, wenn die Luft rein ist“, flüstere ich Marie zu, die direkt hinter mir steht.

„Okay, Mama“, flüstert sie zurück. Wir haben beide schon öfter gemeinsam Miss Marple angeschaut. Das kommt uns jetzt zugute, denn Marie erkennt den Ernst des Ermittlungsfalls sofort.

 

„Guten Tag, Frau Maier, auch hier?“ Angriff ist die beste Verteidigung. „Frau Bachmann, oh, geht’s Ihnen nicht gut? Haben Sie ein Problem?“ Scheinbar wertet sie meinen Besuch hier so, als stünde ich kurz vor dem Ableben. Wollen wir doch mal sehen, wie schnell sich das Gerücht in Berkersheim verbreitet. „Sie sagen es! Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Deswegen bin ich hier“, lasse ich die Antwort mal offen. Für das Gerücht müsste so etwas spielend leicht ausreichen. „Mein Beileid, Frau Bachmann. Das wünscht man keinem!“ Ich sehe ihr an, dass sie gedanklich schon mal den Kranz für meine Beerdigung ordert. „Frau Maier, hier bitte, ihr Rezept!“, stört die Sprechstundenhilfe unser interessantes Gespräch. Nicht weiter schlimm. Das Gerücht ist hiermit bereits in aller Munde. Manchmal reichen so wenige Worte für eine riesige Welle. Diese wird sich demnächst durch ganz Berkersheim ihren Weg suchen.

 

„Auf Wiedersehen, Frau Maier“, verabschiede ich mich höflich. „Alles Gute, Frau Bachmann. Alles Gute!“, sagt sie nur und ist der Arztpraxis entschwunden.

„Marie, die Luft ist rein“, übermittle ich meiner Tochter per Chatnachricht. Sie erscheint kurze Zeit später mit ihrem Gefolge. Rechtzeitig genug, denn wir sind auch schon dran. „Frau Bachmann, bitte?“, höre ich aus einem Lautsprecher sagen. „Das bin ich! Das bin ich!“, schreit Marie aufgeregt.  Wir gehen zum Untersuchungszimmer. Darüber freuen sich drei der anderen Mitpatienten im Wartezimmer enorm, die wegen uns keinen freien Stuhl mehr finden konnten.

 

Frau Doktor Salomon ist skurrile Szenen gewohnt. Deshalb kommt es ihr überhaupt nicht seltsam vor, dass ein englisch sprechender Syrer zusammen mit einem deutschen Riesen und einem vor Endorphinen fast platzenden Teenager das Untersuchungszimmer betritt. Ich selbst falle dabei kaum auf.

 

„Hallo Marie. Darf ich du sagen?“, klärt sie zuerst die bürokratischen Dinge. „Ja, klar, ich bin Marie! Du kannst ruhig du sagen.“ So war das jetzt zwar nicht gemeint, ich schiebe das auf die Hormone und verhalte mich still. „Dann wollen wir uns das Kleine mal näher anschauen“, sagt die Ärztin und kippt eine Tonne Gleitgel auf ihren Ultraschallkopf. „Es wird ein er“, legt Marie fest. Dann wird es still im Raum. Alle schauen gebannt auf den Monitor.

 

„It look’s like an Alien. Not like a Baby”, findet Hamoudi.

“Wie putzig!” findet Herbert.

“Wo ist Felix? Ich seh gar nix?“, entrüstet sich Marie.

 

Frau Doktor lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und verteilt die Tonne Gleitgel weiter auf dem Bauch der werdenden Mutter.

 

„Glückwunsch, liebe Marie, alles gesund und munter. Du bist in der 8. Woche.“
„Und sag schon. Es wird ein Junge, gell?“ Marie drängelt ein bisschen.
„Liebe Marie, das ist noch zu früh. In 6-7 Wochen kann ich dir sicher mehr sagen.“

 

Marie schaut in die Runde, als ob sie nun erwartet, dass wir alle Beifall klatschen. Ich interessiere mich aus praktischer Sicht für anderes:

„Wann wird es zur Welt kommen?“
„Ja, genau. Wann kommt der Felix?“ Marie erkennt nun auch, wie wichtig diese Information ist.

„Mitte Januar!“

„“Och ne, direkt nach Weihnachten, saukalt und wie soll ich mich da vernünftig aufs Abi vorbereiten?“

 

Teenager sehen die Dinge meist aus einem anderen Blickwinkel. Daran habe ich mich längst gewöhnt. Wir verlassen die Praxis. Herbert biegt rechts ab Richtung Parkhaus. Hamoudi läuft zur Bushaltestelle und Marie kommt mit mir.

 

„Was hast du da in den Taschen?“, will sie wissen.

„Nichts Besonderes. Nur ein paar Klamotten.“ Und das stimmt ja auch.

 

In etwa der Höhe von Frankfurts Insider-Boutique – Bankdirektor-Gattin Hartnuß kennt sie in- und auswendig – spricht mich ein Mann von der Seite an.

 

„Hey, wieder mal in der Stadt unterwegs?“

 

Ich erschrecke mich fast zu Tode und lasse meine Shoppingtaschen fallen.

 

„Wer ist das?“, raunt Marie mir neugierig zu. „Weiß ich doch nicht?“, beantworte ich die Frage. So genau weiß ich das ja wirklich nicht. Obwohl mein Bauch beim Blick in die Augen des Fremden sofort erkannt hat, um wen es sich hier handelt. Dieses Mal ist er ohne Handwerkerkluft, sondern in einem weißen Hemd und außerordentlich gutsitzenden Jeans unterwegs. Doch mein Bauch orientiert sich bei Identifikation dieser Person sowieso nicht an Klamotten, sondern an irgendwelchen anderen Begebenheiten. Jedenfalls wird mir gerade so was von flau.

 

„Du betrügst Papa doch etwa nicht?“ Das Verhör seitens meiner Tochter nimmt an Vehemenz deutlich zu. Sie legt quasi die Daumenschrauben an. „Was denkst du denn? Natürlich nicht!“, antworte ich so leise wie möglich. Muss ja nicht halb Frankfurt mitkriegen, dass vor der Insider-Boutique eine wichtige Vernehmung stattfindet. Mister Unbekannt ist darin (noch) nicht mit einbezogen. Gott sei Dank. Er kümmert sich um die Beweismittel, die allerdings mit einem ganz anderen Fall zu tun haben. Er sammelt meine Shoppingergebnisse zusammen und legt sie in die Taschen zurück, die sich beim Herunterfallen direkt vor unseren Füßen verteilt haben.

 

„Mama, warum kaufst du rosa Strampler?“ Die Ereignisse überschlagen sich und das Verhör nimmt eine drastische Wendung. „Weil ich Rosa schön finde!“ Alte Familientradition. Schon meine Uroma Hilde war Fan dieser Farbe. Meine Mutter sowieso, mit deutlicher Vorliebe in Richtung Pink. Neulich kam sie mit einem knallpinken Lenkradbezug an. Aus Plüsch! Hallo? Meine Mutter ist 83, aber die rosa-pinkfarbene Phasen endet bei Frauen ja nie. Dieselbe Plüsch-Variationen finden sich deswegen ebenso auf ihren Autositzen. Ich traute meinen Augen kaum, als wir uns vor ein paar Tagen zum Essen in der Stadt verabredeten und ich zu ihr ins Auto stieg. „Was sagt Papa dazu?“, fragte ich nur und ließ mich in die Plüschwolken nieder. Ich muss sagen: Bequem sind diese pinkfarbenen Bezüge ja. „Papa ist das egal. Solange er nicht mitfahren muss“, antwortete sie gelassen.

 

„Mama, das ist nicht dein Ernst!“, bewertet Marie meine rosafarbene Antwort und kommt so richtig in Fahrt. „Übrigens, ich bin Marie und schwanger. Stellen Sie sich vor, Mama will meinem Jungen rosa Strampler anziehen!“ Damit wäre der Fremde, den sie eben noch für meinen Geliebten hielt, in das aktuelle Geschehen einbezogen und über alles Wichtige informiert. Mir ganz Recht, dass nun die Sachlage insofern geklärt ist, dass nicht ich schwanger bin, sondern meine Begleitung. Warum mir das so wichtig ist, weiß ich zum Henker auch nicht. Könnte mir doch grad egal sein. Den Typen sehe ich sowieso nie wieder.

 

„Hi Marie, ich bin Udo. Da stimme ich dir voll zu. Rosa für einen Jungen geht echt nicht!“ „Siehst du, Mama, findet Udo auch!“, schließt Marie die Beweislage. Ich würde am liebsten im Erdboden versinken oder vielleicht doch lieber mit dem Udo jetzt und gleich einen Kaffee trinken gehen? Ich weiß wirklich nicht, was gerade mit mir los ist. Eventuell entstehen bei werdenden Omas auch irgendwelche Hormone, von denen ich nichts wusste.

 

„Habt ihr Lust auf einen Kaffee?“, fragt Udo beiläufig, als könnte er Gedanken lesen.

„Bitte nicht!“, argumentiert der Verstand. „Jederzeit und gerne öfter“, antwortet mein Bauch. „Supi Idee, Udo. Ich hätte Appetit auf einen Milchkaffee mit einem schönen Stück Erdbeerkuchen. Mama, du doch bestimmt auch, oder?“ Somit ist es beschlossene Sache: Dachdecker Udo, Marie und ich haben ein Date. So etwas kann auch nur mir passieren. Ein Rendezvous mit einem Fremden und der eigenen Tochter, die schwanger ist von einem Syrer oder einem Strategiegenie. Wer will das so genau wissen, wo mich gerade die blauesten Augen, die mir je untergekommen sind, derart intensiv anschauen. „Okay, warum nicht?“, beschließe ich hiermit. Womit der Bauch als eindeutiger Sieger im heutigen Duell der inneren Mächte hervorgeht. Das sollte nicht zur Regel werden, sonst bin ich aufgeschmissen.

 

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 18 …