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15. Kapitel: Auf keinen Fall!

 

15. Kapitel: Auf keinen Fall!

 

Am Abend zu Hause. Ein seltener kulinarischer Höchstgenuss wartet auf dem Esstisch, den es sonst nur an hohen Feiertagen gibt. Also an Weihnachten oder zu Papas Geburtstag: Rindsrouladen mit Spätzle. Es soll wohl gleichzeitig eine Überraschung für mich sein. Ich habe noch nicht mal die Jacke ausgezogen, als mich Marie an die Hand nimmt und in die Küche bugsiert.

 

„Ich habe heute die Spätzle geschabt“, erzählt sie stolz.

 

„Super, Marie“, antworte ich und schaue mir die Klumpen etwas genauer an, die in der Schüssel liegen und Spätzle sein sollen. Sie sind mindestens doppelt so dick wie Phillips Daumen. Ich kann sie auf Anhieb leider nicht als die bekannte schwäbische Köstlichkeit identifizieren. Sie sehen eher aus wie etwas zu klein geratene Dampfnudeln. Im Übrigen auch eine süddeutsche Spezialität, deren Zubereitung vor allem Mutti beherrscht wie keine andere. Erst jetzt entdecke ich den Schokoladenkuchen auf dem Sideboard.

 

„Mama, und das ist der Nachtisch. Das Rezept habe ich in deinem Rezeptbuch gefunden. Super, ne? Ich hoffe, du hast ordentlich Hunger. Papa und ich sind den halben Nachmittag in der Küche gestanden.“

 

„Danke, Marie, hast du toll gemacht. Ich freue mich sehr drüber.“

 

Mehr des Lobes halte ich für unangebracht. Aus zwei Gründen: Erstens, möchte ich erst wissen, was die beiden im Schilde führen. Zweitens sollte man niemand in den Himmel loben, nicht mal die eigene Tochter. Auf die Dosierung kommt es an, wie bei allen Dingen im Leben. Ohne Salz schmeckt keine Suppe. Mit zu viel wird sie ungenießbar.

 

Ich bin hungrig und gespannt, was nun kommt. Vermutlich ein Spielfilm oder auch eine Abenteuersaga, live vorgeführt, direkt in unserer Küche.

 

In den Hauptrollen:
Philipp Bachmann (Vater und zukünftiger Opa)
Marie Bachmann (Tochter und zukünftige Mutter)

 

Ich soll wohl auch eine entscheidende Rolle dabei einnehmen und durch vielerlei Gaben milde gestimmt werden. Für was? Ich werde es erfahren. Hat sicher was mit der Oma zu tun, die ich als Mutter der Tochter alsbald sein werde. Könnte länger dauern, der Film. Ich suche mir einen bequemen Sitzplatz. Dann geht der Spielfilm auch schon in die nächste Phase über.

 

Philipp rückt mir den Stuhl zurecht, bevor ich meinen durchtrainierten Popo darauf platziere. Das hat er das letzte Mal kurz nach unserer Hochzeit getan. Ich erinnere mich deswegen daran, da er sich etwas ungeschickt anstellte. Er wollte es besonders galant angehen. Wir waren zum Abendessen bei meinem damaligen Chef eingeladen. Ich lief in Richtung meines Stuhls, um meinen Platz für das Essen einzunehmen. Philipp raste hinterher, um ja nicht den Zeitpunkt des Zurechtrückens zu versemmeln. Wie es sich gehört, schob er den Stuhl zuerst ein Stück zurück, um mir davor ausreichend Raum zu verschaffen. Ähnlich wie die Auffahrt zur Autobahn. Bevor du dich da ordnungsgemäß einfädelst, brauchst du ja auch einen gewissen Anlauf und Platz auf dem Beschleunigungsstreifen. Von diesem bekam ich in der Situation am Tisch jedoch nichts mit. Philipp verpasste indes das Timing, wann genau er den Stuhl unter meinen Popo schieben hätte sollen. Es konnte sich höchstens um eine Sekunde gehandelt haben. Die allerdings war entscheidend, denn ich landete unsanft einen Stock tiefer auf dem Fußboden. Philipp erschrak sich dermaßen, dass er wie versteinert stehen blieb. Mein Chef eilte derweil aufgeregt um den halben Tisch herum, am versteinerten Philipp vorbei, um mir wieder aufzuhelfen.

 

„Frau Amelie, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er besorgt. Philipp brachte immer noch keinen Ton heraus. „Danke, ja“, erklärte ich, nachdem ich sämtliche Gliedmaßen erfolgreich auf ihre Tauglichkeit testete. Um meinen Popo machte ich mir weniger Sorgen. Der war schon immer durchtrainiert. Etwas, worum mich fast alle Frauen beneiden und die Männer ganz gern mal in frohlockende Gedanken versetzt. So lange sie nur still denken und nicht klapsen wie Thomas, soll mir das Recht sein.

 

Scheinbar hat Philipp das Stuhl-Zurechtrück-Trauma überwunden. Als hätte er nie etwas anderes getan, bekomme ich meinen Stuhl auf die Millisekunde perfekt abgestimmt unter meinen Hintern geschoben.

 

„Danke, dir Philipp!“, wertschätze ich die Geste.

 

Ich komme mir vor wie im Sternerestaurant. Jeder Handgriff wird mir von den beiden abgenommen. Die Rouladen auf dem Teller platziert. Die so genannten Spätzle danebengehäuft. Soße drüber, schön viel, denn ich mag es, wenn die Beilage darin Freischwimmer machen kann. Philipp fragt mich sogar, ob er mir das Fleisch schneiden soll.

 

„Wenn du magst, gerne. Aber essen kann ich allein“, beuge ich vor.  Die Köstlichkeiten auch noch Gabel für Gabel in den Mund geführt zu bekommen, geht mir dann doch etwas zu weit.

 

„Marie und ich haben uns da etwas überlegt!“ Aha, wir nähern uns dem zentralen Kernpunkt des Films. „Du könntest nach der Geburt des Kleinen doch im Homeoffice arbeiten und dich um Felix kümmern.“ Ich höre kein Fragezeichen am Ende des Satzes. Es handelt sich also um eine Feststellung, die bereits getroffen wurde.

 

Felix? Und wer ist überhaupt Felix?

 

„Mama, du musst dann die Frühschicht übernehmen. Papa hat versprochen, in der ersten Zeit etwas kürzer zu treten in der Backstube, damit er gegen 12 Uhr zu Hause sein kann. Er kümmert sich mittags um den Kleinen. Und ich komme ja, wie du weißt, so gegen 16 – 17 Uhr von der Schule. Dann übernehme ich. So schaffe ich mein Abi bestimmt – trotz Baby.“

 

Das Wort ‚müssen‘ löst Lippenherpes bei mir aus. Mein Klassenlehrer in der 11. benutzte es ständig.

 

„Amelie, Sie müssen das Referat vorbereiten.“

„Einmal müssen Sie jetzt aber schon noch den Tafeldienst übernehmen in diesem Monat.“
„Müssen Sie nicht erst diese Formel verwenden, bevor Sie die andere anwenden?“

 

Wo ich auch stehe und gehe, mit wem ich mich unterhalte, es scheint das Lieblingswort der Nation. Wir alle (oder gefälligst die anderen) müssen immer ständig etwas. Meine Güte, wie negativ. Ich sehe förmlich vor mir, wie in den Köpfen der Leute nonstop eine große Wolke „Ich muss noch das und das“ umherschwirrt. Die Seele denkt sich dann „Hey Hirn, lass mich bitte in Ruhe damit“ und ist beleidigt. Die Wolke im Hirn wird dagegen immer größer und irgendwann hat jede noch so geduldige Seele die Schnauze voll davon und klinkt sich kurzzeitig aus. Mit einem kleinen Burnout oder anderen handfesten Dingen. Damit das Hirn sich wieder erinnert, wer Chef im Haus ist.

 

Philipp und Marie schauen mich hoffnungsvoll an und erwarten dennoch eine positive Antwort. Ich atme mal wieder. Ganz ruhig, liebe Amelie, sie meinte es ja nicht böse. Die beiden Hauptdarsteller geben indes keinen Mucks von sich. So still ist es bei uns daheim selten. Außer, wenn niemand zu Hause ist.

 

„Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden“, lege ich nach drei Minuten des Schweigens mein entschiedenes Veto ein. Marie fällt bei der Antwort die Gabel aus den Händen und Philipp verschluckt sich an einem Stück Roulade.

 

„Mama?“, kreischt Marie nervös. „Ich habe mir eine solche Mühe gegeben mit den Spätzle und dem Kuchen. Du musst ja sagen. Bitte, Mama!“

 

Da ist es wieder, dieses Wort.

 

„Auf keinen Fall, Marie!“ Ich mag es, wenn eine gewisse Dramaturgie mit im Spiel ist. Jeder gute Film lebt davon. Wirkt perfekt, denn Marie sitzt wie vom Donner gerührt auf ihrem Stuhl. Die Spätzle werden langsam kalt und Philipp weiß sich momentan auch nicht zu helfen. Er geht zum Kühlschrank und holt ein Bier.

 

„Unter keinen Umständen bin ich mit dem Namen Felix einverstanden“, beende ich die dramatische Szene. Vater und Tochter dürfen nun begreifen, dass es im Prinzip gar kein Drama gibt. Philipp kommt schneller drauf. Marie dagegen kann man wunderbar aufs Glatteis führen. Sie blickt einfache Begebenheiten oft entweder gar nicht oder sie glaubt alles, was man ihr an Aussagen auftischt. Einmal sogar, dass es Hangschafe gibt, die auf der linken Seite kürzere Beine haben als auf der rechten. Damit sie am Hang auf der Weide besser stehen können. „Nur umdrehen dürfen sie sich nicht, sonst fallen sie um“, trieb ich den Spaß damals auf die Spitze. Ich konnte mir dabei kaum das Lachen verkneifen. „Echt jetzt, Mama? Wo gibt’s die denn? In der Schweiz?“ Marie wollte es ganz genau wissen. Als ich die Sache aufklärte, war sie stinksauer auf mich. Ich durfte drei Tage lang weder ihr Zimmer betreten und sie auch mit keiner Silbe ansprechen. Nicht mal „Guten Morgen“ sagen. Heute sind ihre Hirnzellen schneller am Punkt angekommen.

 

„Boh, Mama, du wieder mit deinen Späßen!“ Sie lacht dabei und greift sich die nächste Ladung Spätzle. Ich befürchte, Klein-Felix ist ein Futtermonster wie seine Oma und Uroma. Marie spachtelt seit einigen Tagen riesige Mengen Essen in sich hinein, dass ich mich schon mehrfach fragte, wohin sie das alles packt. Ich denke, das kleine Wesen wird sich bereits wichtige Reserven anfuttern für die aufregende Zeit, die es in diesem verrückten Mehrgenerationen-Haus auch dringend brauchen wird.

 

„Kannst du zum nächsten Frauenarzttermin mitkommen?“, bittet mich Marie parallel, bevor wir die Schichteinteilung für den neuen Erdenbürger weiter vertiefen. Für sie ist das längst geritzt, im Gegensatz zu mir. Gut, dann schieben wir erst den Frauenarzt-Termin dazwischen, bevor wir zum Knackpunkt zurückkehren.

 

„Wann ist der Termin?“, erst mal die Fakten klären. Auch die sind für jeden Film wertvoll.

„Nächste Woche Donnerstag um 17 Uhr. Bei Frau Doktor Salomon.“

„Kein Problem, ich komme gerne mit.“

 

Ein Teil der Faktenlage ist damit erfolgreich abgeschlossen. Eine zweite, sehr viel zentralere, jedoch nicht.

 

„Möchte der zukünftige Vater vielleicht auch dabei sein?“ Nur mal so gefragt und extra so, ohne einen Namen zu nennen. Das könnte durchaus für die nächste dramaturgische Spitze sorgen. Lieber jetzt als später. Dann haben wir es hinter uns.

 

„Hamoudi und Herbert kommen beide mit. Sie haben sich angefreundet.“

 

Die jungen Leute sind da scheint’s viel unkomplizierter als wir.

 

„Aha?!“, kommentiere ich das Geschehen und nehme zur Kenntnis, dass keine weiteren Dramen in der Richtung stattfinden werden. Nur ich habe noch eines auf Lager, dazu dann gleich. Ich gönne allen Beteiligten eine kleine Atempause. Zu viel Adrenalin während des Essens ist ungesund. Dabei stelle ich mir schon bildlich das lustige Gespann vor, das nächsten Donnerstag zu Frau Salomon unterwegs sein wird: Vorstandsmitglied Amelie, gleichzeitig die Oma in der Sache. Gemeinsam mit ihrem Angestellten Herbert – zu 50 Prozent Vater in der Sache. Und einem minderjährigen syrischen Flüchtling, der kaum ein Wort Deutsch versteht, aber recht umgänglich scheint und die zweiten 50 Prozent der potenziellen Vaterschaft einnimmt. Zusammen mit einer nach wie vor leicht naiven Marie. Mutter in der Sache. Vor Kurzem kuschelte sie noch mit einem Bernhardiner unter ihrer Bettdecke, den sie offensichtlich turboschnell mit Herbert tauschte. Bei Hamoudi war keine Bettdecke nötig, nur das leise Rauschen der Wellen am Mainufer.

 

„Mama, bestimmt wird es ein Junge. Ich bin mir sicher. Ich nenne ihn Felix.“ Marie ist gedanklich ganz woanders. Ein guter Zeitpunkt, noch mal auf die beschlossene Sache der beiden Hauptdarsteller zurückzukommen, dass die Nebendarstellerin in absehbarer Zeit vom Homeoffice aus arbeiten soll, um sich ihrem Enkel zu widmen. Nein, nicht soll, laut Marie muss sie das sogar.

 

„Das geht so nicht. Ihr könnt nicht einfach über meinen Kopf hinweg bestimmen. Das klären wir im Team oder gar nicht.“ Es tut mir ja leid, dass ich die aktuell harmonische Sequenz mit dieser Aussage unterbreche. Aber damit bin ich partout nicht einverstanden. Das dürfen die Mitwirkenden oder besser gesagt die Verursacher des Ganzen ruhig erfahren.

 

„Eigentlich wollte ich ja erst mit dir allein sprechen“, versucht es Philipp mit einer ersten Erklärung. Bei allem Verständnis und ich will ja nicht kleinlich sein, aber in Sachen Kommunikation bin ich schon pingelig. Das Wort ‚eigentlich‘ stört mich dabei eklatant. Es ist so unnütz wie der Selfie-Toaster. Den gibt es tatsächlich und du kannst dir damit auf deinem Frühstückstoast gleich dein Selfie mit einbrennen lassen. Das braucht kein Mensch – genauso wenig wie das Wort ‚eigentlich‘. Wenn du deinem Mitarbeiter beispielsweise so daherkommst, was soll der da denken? „Eigentlich machst du deine Sache ja recht gut …“ Was will derjenige wirklich sagen, wenn er den Satz so formuliert? Dass der Mitarbeiter eine Niete ist?

 

Philipp nimmt einen neuen Anlauf: „Wenn wir uns die Babyschichten aufteilen und beide eine Zeit lang beruflich etwas kürzertreten, müssten wir das doch gemeinsam hinkriegen, oder Amelie?“ Klingt schon viel besser. Reicht mir so aber noch nicht ganz. Wir brauchen konkrete Absprachen und Ziele sowie Orientierung. Wie wichtig das ist, erlebe ich jeden Tag im Büro. Ich hole Zettel und Stift herbei.

 

„Mama, was wird das?“ Die Jugend von heute hat wohl noch nie etwas von Geduld gehört. Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.

 

„Ich fertige erst mal sechs Spalten“, erkläre ich. Eine davon können wir dann streichen, wenn sich die Väter nach dem Vaterschaftstest einig sind, wer nun zuständig ist. Diese Information behalte ich zunächst für mich.

 

„Wieso sechs?“ Marie hat den Durchblick verloren. Nachvollziehbar, wenn zu viele Väter auf einmal im Spiel sind.

 

„Weil wir zu sechst sind.“

 

Man sieht ihr genau an, wie sie gerade im Geiste alle nennenswerten Personen durchzählt, die in der Sache wichtig sein könnten.

 

„Ich komme nur auf drei“, meint sie nach Abschluss ihrer Rechenaufgabe.
„Papa, du und ich!“

 

So endet das, wenn die Kinder in der Schule für jede Kleinigkeit den Taschenrechner benutzen dürfen.

 

„Hast du nicht wen vergessen?“, beginne ich die Nachhilfestunde in Mathe.

„Nö, wen denn?“

 

Ich gehe zu Adam und Eva zurück und versuche die Aufgabe von der Basis her aus zu erklären. Dann zeige ich auf ihren Bauch mit der Abschlussfrage:

„Und was kommt dabei raus?“
„Ein Baby!“, antwortet sie wahrheitsgemäß. Damit nähern uns wir der Sache bedeutend.

„Siehst du, damit wären wir schon zu viert“, beende ich Teil eins des Nachhilfeunterrichts. Marie verdreht die Augen. „Schon klaro, Mama!“

 

Weiter geht’s …

 

„Und wer fehlt außerdem noch?“
„Wie jetzt … Noch jemand?“

 

Am Ende von Teil zwei hat auch Marie verstanden, dass sechs Spalten unbedingt nötig sind. Fehlt nur noch der Plan, wer wie lange für was genau zuständig ist. Genau das halten wir nun zusammen fest. Ich habe Marie schon lange nicht mehr bei einer so vernünftigen Beschäftigung beobachtet. Es sei denn, sie saß an ihren Hausaufgaben.

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 16 …