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14. Kapitel: Spannende Erkenntnisse auf dem stillen Örtchen

 

14. Kapitel: Spannende Erkenntnisse auf dem stillen Örtchen

Petra Zollertal aus der Marketingabteilung? Kenne ich nicht. Mail 189 gibt mir daher große Rätsel auf. Vor allem, als ich den Betreff lese: „Unser Treffen im Klo“.

Ich kann mich an kein Meeting auf der Toilette erinnern. Dafür nutze ich für gewöhnlich einen unserer Konferenzräume. Die Sitzgelegenheiten dort sind wesentlich bequemer. Ich lese weiter. Die genetisch bedingte Neugierde zwingt mich dazu: „Hallo Frau Amelie, ich bin eine der Frauen von der Damentoilette. Sie wissen schon …“

 

Ne, weiß ich nicht. Ich erinnere mich an eine Menge Ereignisse in meinem Leben, als seien sie gestern gewesen. Selbst, wenn sie lange zurückliegen und völlig unbedeutend waren. Wie beispielsweise einen Abend im Sommer 1977, 19 Uhr. Ich saß vor dem Fernseher und guckte das Sandmännchen. Das schwebte mit einer seltsamen runden Glaskugel ins Bild. Ich fragte Mutti: „Was ist das denn?“ Sie meinte: „Die Landekapsel, mit der die Russen im All zugange sind.“ Eine Information, mit der eine Fünfjährige vollkommen überfordert war. Ich träumte in dieser Nacht von einer Kugel aus Glas, ähnlich der beim Sandmann. Wie genau ein Russe aussieht, hatte ich keine Ahnung. Ich wusste ja nicht mal, was das überhaupt war. Ein Mensch, ein Tier oder was genau? Jedenfalls entstieg dieser Kapsel in meinem Traum ein seltsames Wesen und wollte mich abholen. „Ausflug ins All“, flüsterte es mir zu und streckte mir seine Hand entgegen, die sieben Finger hatte. Ich erwachte laut schreiend.

 

Das ist eines von vielen Erlebnissen, die mein Hirn detailgenau abgespeichert hat. Wohingegen ich nach einem Meeting auf der Toilette gerade vergeblich krame. Ich habe keine Ahnung, wovon Petra Zollertal spricht. Als Vorstandsmitglied bekommt man ja teils die seltsamsten Nachrichten und Anliegen übermittelt. Ich lese weiter.

 

„Ich habe Ihren Vorschlag aufgegriffen und mit meiner Kollegin Martina zusammen nach Alternativ-Lösungen für das Trocknen der Hände in der Toilette gesucht. Diese würden wir Ihnen gerne aufzeigen.“

 

Händetrocknen in der Toilette. Mein Erinnerungsvermögen kehrt zurück und spuckt die dazu passenden Bilder aus. Jetzt hab ich’s: die Streithähne auf dem Damenklo.

 

Auf der Toilette passieren anscheinend die lehrreichsten Dinge im Leben. Mit elf erwischte ich Onkel Gustav bei einem Techtelmechtel in der Toilette unserer Dorfkneipe. Mit der Serviererin! Auch in diesem zarten Alter konnte ich die Geschehnisse schon exakt zuordnen. Ich saß gemütlich auf der Keramik, als aus der Toilette neben mir hektisches Atmen drang – in Verbindung mit leisem Stöhnen. Natürlich war ich neugierig. Also stieg ich nach getaner Pipirunde auf die Kloschüssel und inspizierte die Sachlage. Und wenn sah ich da? Onkel Gustav in eindeutiger Position. Ich konnte ihn noch nie leiden, daher nutzte ich die Gelegenheit natürlich sofort für einen kleinen Weckruf aus dem Land der Leidenschaft.

 

„Onkel Gustav, ist dir nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen?“

 

So schnell habe ich danach nie wieder einen Menschen aus einer Toilette rennen sehen. Er vergaß vor lauter Schreck, sich die Hose hochzuziehen. Das gab draußen vielleicht ein Gezeter, als er so bei seiner Gattin im Gastraum auftauchte und eine erschrockene Serviererin mit hochrotem Kopf gleich hinterher. Mein Lerneffekt in dieser Sache: Die Toilette ist kein guter Ort zum Austausch von Körperflüssigkeiten.

 

Das nächste entscheidende Erlebnis auf einem stillen Örtchen hatte ich an meinem 18. Geburtstag. Ich feierte eine rauschende Party. Endlich volljährig, yeah! Der Martini war schuld, dass ich den Abend ab 23 Uhr kniend vor unserem heimischen Klo verbrachte, während meine Gäste unten im Wohnzimmer rauschend weiterfeierten. Leider ohne das Geburtstagskind. Mutti saß die ganze Zeit neben mir und tupfte mir mit einem feuchten Waschlappen die Schweißperlen von der Stirn. Ihrer Lebenserfahrung geschuldet, wusste sie sehr genau: „Da muss das Mädchen jetzt durch!“ Da mein Körper recht lange brauchte, um mit diesem Martini in umgekehrter Richtung fertig zu werden, nutzte Mutti die Zeit, mir dabei ihre halbe Lebensgeschichte zu erzählen. Ich wusste danach in allen Einzelheiten darüber Bescheid, was sie in etwa demselben Alter erlebt hatte. Manche Anekdoten hätte es nicht gebraucht. Zwischen zwei Würgevorgängen zu hören, dass deine eigene Mutter ihren ersten Sex erst mit 20 Jahren hatte und welcher Reinfall das war – nicht gerade das, was dir diese Prozedur erleichtert hätte. Ich machte in dieser Nacht auf der Toilette entsprechend zwei elementare Erfahrungen: „Lass zukünftig die Finger vom Martini und begib dich nie wieder in eine wehrlose Lage, wenn deine Mutter in der Nähe ist.“

 

Dank unseres Zusammentreffens auf der Damentoilette sind Martina und Petra um ebenso eine Weisheit reicher: „Gemeinsam schafft man mehr.“ Statt sich spinnefeind anzugiften, haben sie sich zusammengetan und kurzerhand die Projektgruppe ‚Nachhaltige Ideen fürs Unternehmen‘ ins Leben gerufen. So viel Engagement sehe ich gern. Ich trommle die Truppe zu einem Meeting zusammen. Dieses Mal, wie es sich gehört, im Konferenzraum. Nächste Woche Dienstag, 10 Uhr.

 

Wie man sich die Hände auf der Toilette bestenfalls abtrocknet, ökologisch nachhaltig, hygienisch und so günstig wie möglich – das fällt so überhaupt nicht in den Kompetenzbereich einer Wirtschaftsingenieurin. Ich könnte so ein Ding vielleicht planen und bauen. Und ich könnte die wirtschaftlichen Belange in sämtlichen Prozessschritten top aufeinander abstimmen. Das ist momentan wenig hilfreich. Brigitte soll es richten. Sie ist die beste Assistentin, die mir je zur Seite stand.

 

„Haben Sie eine Ahnung, wo die ganzen Unterlagen abgelegt sind in der Sache ‚Handtrockenbläser in den Toiletten tauschen‘?“ Brigitte kommt ursprünglich aus Berlin. Die Berliner Mentalität ist eine andere als die hier im Frankfurter Raum. Man fragt Brigitte was. Sie macht einfach und fertig. Eine aus Hessen stammende Person ist da wesentlich komplizierter. Die will erst wissen, warum, für wen, was das Ziel dessen ist und wer das überhaupt alles wissen möchte. Am besten in dreifacher Ausfertigung schriftlich übermittelt, mit Datum und Unterschrift.

 

„Ist in fünf Minuten bei Ihnen“, kündigt Brigitte an. Und so ist es dann auch. Die Mail mit sämtlichen Dateianhängen landet in meinem Postfach. Das muss man ihr lassen. Sie ist raketenschnell, was ich in Anbetracht ihres Ablagesystems beachtlich finde. Meine Logik kommt da nicht so recht mit. Als ich sie an ihrem ersten Arbeitstag darauf ansprach, verstand sie meinen Einwand gar nicht. Für sie war und ist das bis ins letzte Detail superlogisch. Also habe ich sie einfach machen lassen, anstatt sie zu meinem System umerziehen zu wollen. Das ging schon früher bei Marie in die Hosen.

 

„Marie, räum bitte dein Zimmer auf, hier herrscht ja völliges Chaos!“, so meine Bitte vor zehn Jahren. Siebenjährige Kulleraugen schauten mich verständnislos an.

„Wieso, Mama? Die Legosteine bilden einen Zaun um das Gehege meiner Plüschtiere, damit sie nachts nicht ausbüxen. Die Puppen als Zoowärter müssen direkt davorsitzen, um das alles im Auge zu haben. Und die Autos daneben sind ihre Einsatzfahrzeuge, die für Notfälle startklar bereitstehen. Siehst du das denn nicht?“
Ich setzte mich zu ihr auf den Boden, um mir die Szenerie aus ihrer Perspektive anzuschauen. So von unten aus betrachtet, machte das durchaus Sinn.

 

Brigittes digitales Ordnungssystem ist ähnlich zu bewerten. Ihre Logik kommt damit bestens klar. Wie schnell, sieht man ja jetzt erneut.

 

„Danke, Brigitte“, rufe ich ins Vorzimmer hinaus und widme mich die nächste halbe Stunde dem spannenden Thema, wie man sich am besten die Hände nach dem Geschäft abtrocknet. Es soll ja Leute geben, denen das egal ist, weil sie sich nach dem Toilettengang nie die Hände waschen. Mir schwirrt der Kopf. Also jetzt nicht, weil die Leute ungewaschene Hände danach haben. Das finde ich eher eklig. Sondern weil die Angelegenheit komplizierter ist, als ich dachte. Ich treffe auf hochkomplexe Tabellen und denke dabei sofort an Herbert. Das ist eindeutig sein Spielfeld. Zwar ist er nicht gerade als Toilettenprofi im Hause bekannt, aber zumindest als Strategiegenie. Solchen Genies fällt immer etwas Brauchbares zu jedem Thema der Welt ein. Ich rufe ihn an.

 

„Herbert, Amelie hier. Hast du kurz Zeit?“ Dinge von hoher Priorität erledigt man am besten sofort.

„Natürlich, Frau Amelie, was gibt’s?“ Seit er weiß, dass ich es nun auch weiß, hat sich seine Tonlage in unseren Gesprächen verändert. Ich selbst wiederum komme mir dabei vor wie eine Abenteurerin, die gemeinsam mit ihrem Kumpan aufbricht, die Welt zu erobern. So etwas Ähnliches liegt uns jetzt ja auch bevor. Nicht aufgrund der Toilettensache, sondern wegen dem kleinen Wesen in Maries Bauch. Im Prinzip stecken wir bereits inmitten dieses Abenteuers – obwohl noch gar kein offizielles Gespräch mit Herbert dazu stattgefunden hat. Und dann wäre da ja auch noch Hamoudi. So weit will ich gedanklich aktuell nicht abschweifen. Kommt Zeit, kommt Rat.

 

„Ich brauche deine Unterstützung“, fange ich an.

„Jederzeit gern!“

„Es geht um unsere Toiletten hier.“
„Okay.“ Keine Ahnung, ob Herbert auch aus Berlin stammt. Er zeigt sich bei der übermittelten Info bis jetzt unkompliziert.

„Ich mail dir gleich was rüber. Kannst du da bitte mal draufschauen?“

„Mach ich. Sonst noch etwas, Frau Amelie?“

„Danke, Herbert, das war’s fürs Erste.“ Diese Aussage trifft den Kern absolut. Wir werden noch viele weitere Dinge mit Herbert erörtern müssen. Allen voran, was er dazu meint, dass ein syrischer Flüchtling ihm die Vaterschaft unter Umständen streitig machen wird. Ich habe keine Ahnung, ob er deswegen bereits im Bilde ist. Falls ja, verhält er sich beneidenswert gelassen.

 

Fortsetzung der Geschichte in Kapitel 15 …