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13. Kapitel: Tschüss, Thomas!

 

13. Kapitel: Tschüss, Thomas!

Im Flurfunk glühen heute die Drähte. Allseits Getuschel und entsetzte Gesichter.

„Schön gehört … pspsppspttschspst … Thomas … pspsptschdttspspsch.“ Diejenigen, die vom Flurfunkt nichts mitkriegen sollen, können daher auch nur minimale Bruchteile dessen erhaschen. Meist nur so viel, dass die Zusammenhänge unverständlich bleiben. Das ist ja Sinn der Sache und als Mitglied im Vorstand gehöre ich null Komma null zu den Empfängern, für die der Flurfunk bestimmt ist.

 

Zufällig läuft mir der transformierte Willi über den Weg. Seit unserem letzten Gespräch ist er wie ausgewechselt. Immer freundlich und hilfsbereit. Nicht nur zu mir. Wenn jemandem die neusten Neuigkeiten vom Flurfunk als Erster zugetragen werden, dann einem Personaler. Er kriegt einfach alles mit, was in der Belegschaft so läuft. Jedenfalls, wenn er seinen Job gut macht. Und das tut er wirklich, der Willi.

 

„Guten Morgen Willi. Wie geht‘s?“
„Sehr gut, danke!“ Ich seh’s. Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Da will ich natürlich sofort wissen, was los ist.

„Und?“
„Was und?“

„Was bedingt die überdurchschnittlich gute Laune?“

„Ach so!“

 

Wir könnten in unserem Gespräch schon viel weiter fortgeschritten sein. Aber ich bin ja geduldig.

 

„Wir ziehen zusammen und suchen ein Haus.“
„Wer?“

„Frau Leonhardt und ich.“ Potzblitz! Das ging hurtig. Ich kenne das ansonsten vielmehr so, dass Männer Ewigkeiten für solche Entscheidungen brauchen. Bis du als Frau mit einem Mann in die erste gemeinsame Wohnung ziehst, fließt entsprechend viel Wasser den Main hinunter.

 

„Gar nicht so einfach!“
„Das Zusammenziehen?“ Also doch, ich wusste, es gibt einen Haken.

„Nein, ein Haus in Frankfurt zu finden. Du kennst die Immobilienlage hier ja.“

 

Ach so. Ich bin beruhigt und der Haken ist damit überschaubar – im Verhältnis zu der Entschlussfreudigkeit vieler Mannsbilder, wenn es um das Zusammenziehen geht. War bei Philipp damals auch so. Er konnte sich partout nicht von seiner Junggesellenbude trennen. Dabei war die potthässlich. Nur zwei Zimmer, im fünften Stock ohne Fahrstuhl und so hellhörige Wände, dass du als frischverliebtes Paar sofort identifiziert wirst. Natürlich haben wir uns davon nicht abhalten lassen. Inzwischen sind unsere Wände super isoliert. Leidenschaftlichen Sex, so richtig mit laut Herumschreien, ist trotzdem nicht. Seit wann eigentlich? Ich hab’s vergessen, so lange ist das her.

 

„Wie viele Häuser habt ihr schon angeschaut?“

„Erst eines. Die anderen Angebote kannste echt knicken. Da lohnt sich nicht mal eine Besichtigung.“

 

Kenn ich! Wir schauten uns damals um die fünfzig Objekte an. Wir taten also nichts anderes, als jedes zweite Wochenende durch irgendein fremdes Wohnzimmer zu latschen. Vorab blätterst du begeistert das Exposee durch, auf dem ein Schloss abgebildet ist. Am Ende betrittst du die reinste Ruine. Von außen hui, von innen fällt der Putz von den Wänden. Oder diese Makler verschweigen dir rotzfrech elementare Infos.

 

„Wow, das ist ja schön“, schwärmte ich. Sollte man vor einem Makler niemals tun, ich weiß. Das Haus war der Hammer.

„Ja, sehr schön.“ Philipp hielt sich aus taktischen Gründen etwas bedeckter.

„Schau mal Philipp, der alte Baumbestand. Wie im Märchen.“ Das mit den Märchen ist zu 100 Prozent eine frauentypische Sache – schon alleine wegen des holden Prinzen, der auf seinem Pferd angeritten kommt und dich als Frau auf sein Schloss entführt.

„Hier könnte das Sofa stehen. Und schau, da drüben der Schrank. Mein rosa Vorleger passt wiederum hier perfekt hin.“ Ich richtete unser Zuhause bereits gedanklich ein. Im nächsten Moment rauschte keine fünf Meter von der Rückseite des Zimmers entfernt der ICE vorbei.

„Lass uns gehen“, war alles, was Philipp dann noch sagen konnte. Mir selbst blieb die Spucke weg.

 

Ich wünsche Willi sehr, dass er sein Liebes-Schlösschen unter weniger abenteuerlichen Bedingungen findet. Aber mich interessiert gerade ja anderes.

 

„Hast du eine Ahnung, was heute los ist?“

„Was meinst du genau?“ Willi ist gedanklich noch bei seinem Traumhaus – oder auch bei Frau Leonhardt.

„Das Getuschel hier auf den Fluren. Da ist doch was im Busch?!“

„Ach so, das meinst du!“ In Erwartung, dass das Rätsel aufgelöst wird, stehe ich wortlos wie geduldig vor dem wissenden Willi. In der Zeit, bis er endlich mit der Antwort rausrückt, hätte ich drei Kaffee trinken können.

„Es geht um Thomas.“ Oha, jetzt wird’s interessant.

„Und was ist mit ihm?“ Also außer das, was ich schon weiß: dass er Frauen antatscht, ein Macho ist und gleichzeitig Muttersöhnen, mit den Füßen stampfen kann sowie ständig schwitzt.

„Er wurde von allen Ämtern freigestellt. Warum, müsstest du am besten wissen.“

Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, geht Willi offensichtlich vollkommen d’accord mit diesen Entwicklungen. Bestimmt kann er ihn auch nicht leiden. Niemand kann Thomas leiden, außer Anti-Empathie-Vulkan Berta. Die darf jetzt wohl für jemand anders Abwehrkommando spielen. Hoffentlich so weit weg wie möglich von mir.

 

„Heute Nachmittag ist außerordentliche Sitzung deswegen. Noch nicht gelesen?“, schiebt er als Zusatzinformation hinterher. Aufgrund eines Arzttermins konnte ich heute erst um zehn Uhr im Büro erscheinen. Wie man sieht, bin ich deswegen eindeutig im Nachteil. Man kriegt einfach zu spät mit, was alle anderen schon wissen.

 

„Danke, Willi. Komme eben erst rein. Dann will ich mal fix meine Mails checken. Viel Glück noch bei der Haussuche.“

 

Das ging ja flott mit Thomas, wow! Ich liebe es, wenn Dinge rasant in Gang kommen. Daher fahre ich ja auch Rennsemmel. Ist immer spannend, wenn ich damit an einer roten Ampel stehe. Neben mir ein Managertyp in Krawatte und Anzug in seiner fetten schwarzen Limousine mit noch fetteren Schlappen drauf. Er schaut von oben herab nach rechts zu der blonden Frau in der kleinen Semmel. Seine Blicke sprechen Bände. Vermutlich denkt er dabei an den allseits bekannten Blondinenwitz mit den platten Reifen. Eine Blondine steht vor einem ihrer Vorderreifen. Ihre ebenso blonde Freundin neben ihr:

„Scheiße, der Reifen ist platt!“

„Ganz platt?“

„Neee, nur unten!“

 

Die Ampel springt auf Grün um. Während er noch in den 1. Gang schaltet, bin ich bereits raketenmäßig an ihm vorbeigezogen. Im Rückspiegel entdecke ich seine Kinnlade auf Bauchnabelhöhe, so tief ist ihm die runtergefallen. Schwupp, und dann bin ich auch schon in der nächsten Nebenstraße links abgebogen. So viel zum Klischee von blonden Frauen, die in knallgelben Schuhschachteln auf Rädern durch die Straßen düsen. Und das ziemlich rasant.

 

Schnell waren nun auch meine Vorstandskollegen im Hause. Ich versuche die betreffende Mail in meinem Posteingang zu finden. Gar nicht so einfach bei 287 ungelesenen Nachrichten. Ich frage mich, wo die plötzlich alle herkommen – seit gestern Abend 21 Uhr. Da hatte ich meine Mails das letzte Mal gecheckt. Jedenfalls werde ich bereits bei Mail 23 fündig. Beim Lesen der Neuigkeiten grinse ich hämisch. Ich kann es mir einfach nicht verkneifen. Schade, dass Thomas das nicht sehen kann, zumal ich mit diesem Gesichtsausdruck atemberaubend gut ausschaue.

 

„Brigitte, kommen Sie mal, bitte?“ Freude zu teilen, macht doppelt so viel Spaß. Am meisten mit Menschen, die Insider und Mitbetroffene des Geschehens sind.

„Frau Amelie, was kann ich für Sie tun?“ Immer pflichtbewusst, die liebe Brigitte. „Thomas wurde von allen seinen Ämtern freigestellt“, teile ich meiner Assistentin brühwarm mit.

„Wirklich?“, fragt sie und ist offensichtlich überrascht davon.
„Wirklich!“, bestätige ich die brandaktuelle Nachricht.

„Im Übrigen auch dank Ihnen, da Sie seinen Drohungen und Erpressungsversuchen standgehalten haben. Danke dafür, Brigitte!“

„Och, Frau Amelie, ist doch selbstverständlich“, meint sie dann. Finde ich ganz und gar nicht und spendiere ihr daher sogleich drei Tage bezahlten Urlaub. Den hat sie sich verdient. Damit befinden sich aktuell zwei glückliche Frauen im Umkreis von wenigen Metern im Raum. Beide lächeln. Die eine fiebert ihren bezahlten Urlaubstagen entgegen, die andere der Sitzung am Nachmittag. Noch fünf Stunden bis dahin, die mit sinnvoller Arbeit befüllt werden wollen. Ich schaue meine restlichen Mails durch und entdecke dabei einen lustigen Betreff in Mail 189.

 

Fortsetzung der Geschichte in Kapitel 14 …