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12. Kapitel: Echt jetzt?

 

12. Kapitel: Echt jetzt?

„Kann ich heute bei dir übernachten?“ Eine beste Freundin stellt keine dummen Fragen zum falschen Zeitpunkt. Florence öffnet mir daher einfach nur die Tür.

 

„Willst du was trinken? Kaffee, Wasser?“, fragt sie erst mal.
„Hast du auch einen Schnaps?“ Kaffee hilft jetzt definitiv nicht.

Ich sollte keinen Alkohol trinken, ich weiß. Ich vertrage den so schlecht, doch das ist mir heute grad egal. Florence stellt zwei volle Schnapsgläser auf den Tisch und die Flasche gleich mit dazu. Birne, 38 %. Die Flasche ist halb leer, dürfte zur Verdauung meines Schocks dennoch reichen.

„Was ist los?“ Erster zaghafter Versuch ihrerseits.
„Sie bekommt ein Kind!“ Eine Antwort, die noch wenig Zusammenhänge preisgibt. Mein Verstand ist leicht benebelt. Von den Vorkommnissen und auch dem ersten Glas Hochprozentigen.

 

„Wer bekommt ein Kind?“
„Ich werde Oma.“
„Aha. Und wer bekommt nun ein Kind?“

Florence Verstand ist momentan auch nicht gerade auf Höhe. Kann ich verstehen. Ist ja wirklich ein bisschen viel auf einmal.

„Marie! Marie ist schwanger!“
„Oh“, sagt sie nur und gießt uns eine zweite Runde ein.

„Ich bestelle uns eine Pizza.“

 

So sind die besten Freundinnen. Sie wissen halt immer, was zu tun ist. Mit vollem Magen lassen sich Probleme sehr viel besser besprechen und mein Döner ist längst über den Jordan. Mein Stoffwechsel ist da ziemlich auf Zack. Die Pizza ist zudem aus anderen Gründen wichtig. Sie verbessert das alkoholische Mischungsverhältnis im Blutkreislauf zu unseren Gunsten. So gesehen, gehen wir das Ganze taktisch komplett klug an.

„Hast du Nachtisch da?“ Bei aller Liebe für Pizza. Etwas Zucker braucht mein Verdauungsapparat zusätzlich unbedingt.

„Nur Schokoladeneis. Volle Packung, gestern erst gekauft!“ Dürfte uns gerade so reichen. Die fünf Kugeln vorhin in der Stadt waren sowieso viel zu klein.

 

Eine Stunde später ist die Pizza gegessen, die Eispackung fast leer und die Schnapsflasche auf dem Wohnzimmertisch umgekippt. Florence liegt beduselt auf der einen Seite des Sofas, ich auf der anderen. In der Position schlafen wir ein. Meine Probleme sind damit vergessen, jedoch nur für wenige Stunden. Dann erinnert ein äußerst schmerzender Kopf mich daran, warum ich hier auf Florences Sofa statt zu Hause im Bett liege. Ich erhebe mich von dem provisorischen Nachtlager und mache mich auf die Suche nach drei Dingen: einer Flasche Wasser, einer Kopfschmerztablette und meinem Handy. Alles drei finde ich relativ schnell. Florence kommt derweil zu sich und sieht verheerend aus.

 

„Morgen Amelie“, wispert sie leise.

„Morgen Florence.“ Nebenbei schaue ich auf mein Handy.
15 Anrufe in Abwesenheit. Allesamt von Phillip.
„Ich frühstücke besser zu Hause, Florence. Danke für das Nachtlager.“

 

Damit verabschiede ich mich von meiner Leidensgenossin. Ich befürchte, wir werden es heute beide schwer haben auf Arbeit. Vielleicht sollte ich mich einfach krankmelden. Genau das mache ich dann auch, telefonisch direkt aus dem Taxi heraus, das ich mir gerufen habe. Meine Rennsemmel traue ich mich in dem Zustand nicht eigenständig zu lenken.

 

„Brigitte, ich komme heute nicht ins Büro. Wir sehen uns morgen.“

Sie versteht die Lage sofort, auch wenn sie keine Ahnung hat. Frauen fühlen so etwas. „In Ordnung, Frau Amelie“, sagt sie daher nur. „Und gute Besserung.“ Oh ja, die kann ich brauchen.

 

„Wo ist Marie?“ Meine ersten Worte, nachdem ich das traute Heim betrete.

„Was ist denn mit dir passiert?“ Philipp zieht die Augenbrauen hoch und mustert mich. Als müsse er abchecken, ob das vor ihm wirklich seine Ehefrau ist. Ja, ich bin’s. So angeschlagen wie noch nie – innen und außen.

„Birnenschnaps, Philipp. Zu viel Birnenschnaps.“ Heute lässt mich selbst meine Rhetorik im Stich.

„Willst du vielleicht erst mal einen Kaffee?“ Besorgnis in seiner Stimme. Zurecht! Kaffee klingt traumhaft. So traumhaft es in diesem Zustand halt möglich ist.

 

„Und wo steckt sie nun?“
„In ihrem Zimmer verkrochen. Kennst sie ja.“

Das kann man wohl sagen. Daher berufe ich spontan ein Familienmeeting ein. Vorsitzende: ich! Es kann nur einen Kapitän geben, der das Meer, sich selbst, das Schiff und die Mannschaft im Blick behält. Das will ich nicht aus den Händen geben.  Nicht in dieser Situation!

 

„Sei bitte so gut und bring Marie dazu, in einer Stunde hier unten am Küchentisch zu sitzen. Wie du das machst, überlasse ich dir. Es wird dir was einfallen. Wie immer.“

 

Ein Kapitän sollte wissen, welchen Crewmitgliedern was genau zuzutrauen ist. Vertrauen ist alles. Ich vertraue meiner Familie, dass wir das jetzt einfach zusammen hinkriegen. Wie auch immer – obwohl mir gerade so gar nicht nach Meetings der Kopf steht, eher nach Weltuntergang, Decke über den Kopf, ein bisschen weinen, aber nur so, dass es niemand mitkriegt. Ich zeige mich nur in Notfällen heulend. Wie damals, als wir die Spatzenkinder beerdigten. Da passen Tränen viel besser hin. In ein Meeting dagegen ganz und gar nicht. Und sowieso kann ich mich kaum erinnern, wann ich mich das letzte Mal so armselig fühlte. Ich meine abgesehen vom Alkohol, sondern rein seelisch bedingt. Ein ungewohntes Gefühl macht sich in mir breit. Schneller als die Pest.

„Boh, Amelie, reiß dich am Riemen!“ ordne ich mir eigentherapeutisch an. Kaffee, duschen, los geht’s.

 

Eine Stunde später. Ich bin frisch gestriegelt, Alkoholfahne ist verbannt, die Kopfschmerzen ignoriere ich und die Blusenärmel sind hochgekrempelt. Auf in den Kampf. Marie sitzt wie gewünscht mit Philipp am Küchentisch. Die schönen gelben Rosen darauf können die Stimmung heute nicht retten.

 

„Entschuldige bitte die Ohrfeige. Das hätte nicht passieren dürfen.“

„Tz!!!!“ Eine knappe Antwort, aber immerhin eine Reaktion.

„Wollen wir uns nun mal in Ruhe unterhalten?“
„Tzzzzzzz!“ Sie hat die Arme verschränkt und schaut demonstrativ aus dem Küchenfenster.

„Noch einen Kaffee?“, fragt Philipp dazwischen. Falsche Frage zur falschen Zeit. Keine Antwort seiner beiden Frauen.

 

„Mach dir keine Sorgen wegen dem Baby, ich unterstütze dich dabei.“ Mein Inneres bekommt Aufwind. Zwar nur schrittweise, aber immerhin. Alter Trick aus der Coachingkiste: Zulassen, was ist. Damit fliegt jeder Ärger, jede Sorge quasi davon wie ein Papierflieger im Wind. Ich mag Papierflieger, habe ich als Kind zuhauf gebastelt und damit die halbe Nachbarschaft versorgt. 10 Cent pro Stück. Im Sommer 1980 wurde ich dadurch zum reichsten Mädchen der Straße.

 

„Echt jetzt?“ Ah, das Kind kann wieder vollständige Sätze sprechen. So teils, teils jedenfalls.

„Klar, was denkst du denn?“

„Meinst du das ernst?“ Sie löst die Arme aus der Verknotung und schaut abwechselnd zu Philipp und mir. Zehnmal mindestens.
„Papa, kann ich jetzt einen Kaffee haben? Aber nicht so stark und mit viel Milch. Wegen dem Baby.“

 

Ich will die zarten Bande der familiären Wiedervereinigung nun ehrlich nicht gefährden. Was sein muss, muss jedoch sein.

 

„Ich hätte da noch was …“

 

Zwei Augenpaare fliegen in meine Richtung. Ich lese darin ganz unterschiedliche Botschaften. Philipp findet die Idee gerade gar nicht gut, noch einen draufzusetzen, was immer es sein mag. Wo wir jetzt so schön Frieden geschlossen haben alle miteinander. Und Maries Pupillen glitzern verdächtig. Das bedeutet, sie würde mir am liebsten an die Gurgel springen. Ich lasse mich von beiden Argumenten nicht von meinem Vorhaben abbringen.

 

„Die Sache am Mainufer halte ich für bedenklich. Ich meine, dass du keine Kondome benutzt hast. Du weißt selbst, wie riskant das ist. Das brauche ich dir nicht zu predigen. Amoudi selbst würde ich dagegen gern mal kennen lernen. Bring ihn doch irgendwann mal mit.“

 

Ich beobachte konzentriert Maries Pupillen. Philipp verlässt in dem Moment den Raum mit dem Argument, er müsse dringend nach der Post sehen.

 

„Pah!“

„Was Pah?“

„Weiß ich doch!“

„Ich weiß, dass du das weißt.“

„Und warum hast du es trotzdem gemacht?“

„Weiß ich doch nicht!“

 

Sache geklärt, Pupillen bekommen ihre normale Färbung, Wut von Dannen gezogen. Geht bei Marie ganz schnell. Ruck, zuck auf 180, aber schneller wie der Blitz auch wieder auf Normalnull. Philipp betritt den Raum. Hosenladen noch offen.

 

„Philipp, deine Lade ist offen.“
„Was?“

 

Marie und ich prusten vor Lachen. Damit wäre das Schiff wieder in seichten Gewässern unterwegs. Gut so, denn so gelangt der Kapitän schneller zu der Möglichkeit, sich erneut hinzulegen. Der Birnenschnaps haute dieses Mal echt rein.

Fortsetzung der Geschichte in Kapitel 13 …