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11. Kapitel: Zwei ist einer zu viel

 

11. Kapitel: Zwei ist einer zu viel

Marie und Philipp sitzen in trauter Zweisamkeit vor ihren leeren Eisbechern. Philipp zeigt dabei einen erstaunlich entzückten Gesichtsausdruck. Dieser unterscheidet sich vom Dackelblick erheblich, obwohl sie sich ganzheitlich gesehen doch wieder ähneln. Entzückt entrückt erlebte ich Philipp bisher nur ein einziges Mal. Das liegt jetzt 16 Jahre zurück. Ich saß zu Hause auf dem Badewannenrand, als er zur Tür reinkam.

 

„Hallo mein Schatz. Geht’s dir nicht gut?“, fragte er besorgt. Ich muss etwas blass ums Näschen ausgesehen haben. Aus gutem Grunde, denn in meiner Hand hielt ich einen Schwangerschaftstest, auf dem deutlich zwei Striche zu erkennen waren. Diesen hielt ich Philipp wortlos unter die Nase.

„Was ist das? Deine neue Errungenschaft, um Achselhaare zu entfernen?“

 

Dieser Mann kennt jedes einzelne noch so exotische Küchenutensil, das es auf dieser Welt gibt. Unsere Schubladen sind voll davon. Einen handelsüblichen Schwangerschaftstest dagegen konnte er nicht identifizieren und ortete das Plastikteil in den Bereich Körperhygiene ein. Ich leitete eine kleine Schulung ein. Direkt und ohne Umschweife hat das meiner Meinung nach den besten Lerneffekt:

 

„Ich bin schwanger!“

 

Philipps Gesichtszüge nahmen in wenigen Sekunden die unterschiedlichsten Ausmaße an. Es endete in vollkommener Entzückung.

 

„Wirklich? Amelie, ist das wirklich wahr?“

 

„Ja, Philipp, gratuliere, du wirst Vater“, antwortete ich und musste dabei vor Freude weinen. Und auch, da meine Hormone schon ein bisschen verrückt spielten. Ich war bereits in der 10. Woche.

 

„Wundervoll. Ich liebe dich, Amelie. Wir werden Eltern, wow! Aber was ist das eigentlich für ein Ding in der Hand? Du willst dir doch jetzt nicht die Achselhaare entfernen, oder?“

 

So viel dazu. Ich habe selten Angst in meinem Leben. Wenn ich Philipp mit seinem entzückten Gesichtsausdruck sehe, wie er abwechselnd schmachtend von seinem leeren Eisbecher zu Marie schaut, wird mir jedoch deutlich mulmig im Bauchraum. Die zwei sind so vertieft, dass sie mich nicht wahrnehmen. Erst als ich mich in den freien Stuhl neben Philipp setze, erschrecken sie regelrecht. Als hätte ich sie bei etwas Verbotenem erwischt. So häufig wie an diesem Nachmittag klingelten meine inneren Alarmglocken noch nie.

 

„Hat’s geschmeckt?“ Erst mal etwas Entspannung in die Sache bringen. Neben Atmen eine der besten Waffen bei drohendem bzw. bereits stattgefundenem Unheil.

„Ja, Mama, voll lecker. Ich hatte zwei Erdbeerbecher und könnte glatt noch einen verputzen“, antwortet Marie überschwänglich. Aha?! Seltsam. Marie kommt eher nach meiner Mutter. Aus Süßkram macht sie sich sonst nicht viel.

 

„Raus mit der Sprache. Wo ist meine Überraschung?“ Ich will es jetzt wissen.

 

Marie schaut hilfesuchend zu Philipp rüber. Der schaut wiederum mich an. Kurze Sendepause, in der er offensichtlich überlegt, in welcher Form er mir die Überraschung übermitteln soll.

 

„Also, es ist so“, fängt er an. Ich hasse es, wenn die Leute um den heißen Brei reden, anstatt auf den Punkt zu kommen.

 

„Welche Überraschung? Was, wie und wo?“, unterbreche ich seine Brei-Herumlatscherei, bevor sie größere Ausmaße annehmen kann. Marie versucht sich indes unsichtbar zu machen. Sehr unüblich für sie, deren Selbstsicherheit sonst in allen Lebenslagen überschäumend ist. Nun aber schaut sie penetrant nach links, obwohl es dort rein gar nichts Spannendes zu sehen gibt. Außer dem Werbeplakat des Eiscafés, auf dem ein Spaghetti-Eis in Großformat abgebildet ist. Heute zum Sonderpreis von 5,50 Euro. Ein Schnäppchen hier in Frankfurt.

 

„Du wirst Oma!“

 

Zack, jetzt ist es raus. Mein IQ ist nachweisbar im oberen Bereich anzusiedeln. Das hat ein Test eindeutig erwiesen. Mit den soeben aus Philipps Mund gesprochenen Worten kann er aber nicht umgehen. Er sucht in allen Ecken meines Hirns nach brauchbaren Verknüpfungen. Ohne Erfolg. Marie ist während dessen aus ihrer Tauchstation wieder deutlich über der Tischplatte angekommen. Sie schaut mich mit großen Augen an.

 

„Freust du dich, Mama?“

 

„Auf was?“ Meine Gedanken schwirren wie im Irrgarten kreuz und quer durcheinander. Ich sehe erst ein Babybett mit blauen Blütenapplikationen vor mir, in dem Frau Lohegrien liegt und an einem Schnuller saugt. Danach den schwitzenden Thomas, der hinter dem Babybett hervorspringt und mir einen Bündel Geldscheine vor die Nase hält. Dazwischen rennt Philipp mit einem Schwangerschaftstest in der Hand durchs Bild und ruft: „Hurra, Amelie wird Oma!“

 

Oma? Scheinbar hat mein Gedächtnis nun die richtigen Informationen irgendwo aufgetrieben. Ich fange zu begreifen an. Wenn ich Oma werde, muss Marie schwanger sein.

 

„Ich gehe mal kurz um den Block“, entgegne ich wie in Trance, erhebe mich von meinem Stuhl und lasse zwei fragende Gesichter zurück. Ich laufe die Kaiserhofstraße einmal ganz hoch. Mein Magen knurrt lauter denn je. Die letzte Mahlzeit liegt viel zu lange zurück. Für ein Futtermonster wie mich kaum auszuhalten. Da ich bei Hungergefühlen schlecht denken kann, gönne ich mir zuerst einen Döner. Mit vollem Genuss da reinbeißen, wenn dir links und rechts der Großteil der Zwiebeln wieder aus dem Mund fällt sowie die Hälfte der Soße vom Döner nach unten tropft – ja, so muss das sein. Anders schmeckt Döner einfach nicht. Mutti hätte ihren Spaß daran gehabt. Nach dem Mahl fühle ich mich gleich viel besser und gönne mir noch ein Eis zum Mitnehmen. Schokolade, fünf Kugeln. Die Zahl fünf ist bei uns in der Familie magisch. Sie verfolgt uns über Generationen hinweg: Mama und ihre Geschwister waren zu fünft. Alles Mädchen. Außerdem: fünf Salamischeiben. Marie ist an einem 5. geboren. Philipp und ich hatten unsere erste Verabredung um fünf Uhr und wie ich mit Schrecken feststelle, werde ich bald 50 (und außerdem Oma).

 

Ganz langsam beruhigen sich meine Nerven wieder, die mir im Alltag selten entgleisen. Ich habe da so meine Tricks. Schokolade ist einer davon. Simples Atmen der andere und wenn das alles nichts hilft, switche ich einfach in den Modus „Löcher in die Luft starren über. Außenstehende würden es als Nichtstun beschreiben.

 

Das Schoko-Eis schmeckt köstlich. Ich schlotze meine letzte Kugel. Dabei sehe ich mich in naher Zukunft schon morgens um 8 Uhr am Küchentisch sitzen nach einer erneut schlaflosen Nacht. Einen schnarchenden Philipp die ganze Nacht neben mir. Ein schreiendes Baby unweit von mir. Ich mit der fünften Tasse Kaffee morgens vor mir, zerzaustes Haupthaar, deutliche Falten um die Augen und wie ich beim Trinken darauf hoffe, dass mir das Koffein etwas Leben einhaucht. Meine Güte, Marie ist erst 17 und sollte nächstes Frühjahr ihr Abi machen. Und überhaupt, konnte sie denn nicht aufpassen? Meine Gedanken springen wild hin und her. So viel Platz habe ich in meinem Hirn gar nicht, damit alle sich davon in der Weise ausbreiten können, wie es gerade nötig wäre. Da die Sache allein nur schwer zu klären ist, laufe ich zurück zur Eisdiele. Mir fehlen ein paar entscheidende Infos, um mich wieder zu beruhigen. Äußerlich wirke ich völlig entspannt, als ich zum Tisch zurückkehre. Das sieht innerlich ganz anders aus. Philipp und Marie sitzen wie versteinert am selben Fleck. „Mama, da bist du ja wieder“, begrüßt mich Marie. Schluss mit dem Firlefanz, jetzt wird Tacheles geredet.

 

„Wer ist der Vater?“ Ich will jetzt alles wissen. Und diese Information halte ich in Anbetracht der Umstände schon für entscheidend.

 

„Mama, versprich mir, dass du nicht ausflippst!“ Was sollte mich nach dieser Hiobsbotschaft jetzt noch aus der Ruhe bringen.

 

„Es ist Hemmmmmrhmt.“

 

Sie bringt den Namen dermaßen nuschelnd über ihre Lippen, dass kein Mensch ihn verstehen kann. Philipp scheint längst eingeweiht. Sein weiterhin verklärter Gesichtsausdruck verrät ihn als Insider der ganzen Story, von der ich bisher nur die Folgen erfahren durfte. Marie war schon immer ein ausgesprochenes Papa-Kind. Es wundert mich daher nicht, dass sie sich zuerst ihm anvertraute.

 

„Wie bitte? Marie, sag’s doch einfach. So schlimm wird es nicht sein, oder?“

 

„Okay, Mama. Es ist Herbert.“

 

Da ich nur einen Herbert kenne und Maries Antwort ganz danach klingt, als wüsste ich beim Namen Herbert sofort Bescheid, kann es sich nur um ihn handeln. Es hätte schlimmer kommen können.

 

„Marie, ich will nicht schlaumeiern, ich bin nur neugierig. Habt ihr nicht verhütet oder wie konnte das passieren?“

 

„Och, Mama, hältst du uns für blöd? Natürlich haben wir verhütet. Ich denke, das Kondom war zu klein und es ist daher etwas schiefgelaufen. Weißt du, Herberts Penis ist wirklich riesig …“ Als sie am entscheidenden Punkt des Satzes angekommen ist, kriegt sie verklärte Augen.

 

„Danke, Marie, das reicht mir erst mal an Input“, entgegne ich, bevor sie mit noch mehr Einzelheiten daherkommt. Da kennt Marie nichts. Immer schön direkt alles auf den Tisch. Ohne Scham und Peinlichkeit. Das muss sie sich von mir abgeschaut haben.

 

„Hamoudi könnte allerdings auch in Frage kommen“, erklärt Marie weiter, als sei es das normalste der Welt. Wer zum Henker ist Hamoudi? Das wird ja immer schöner.

„Marie?!“ Diese Tonlage ist brandgefährlich. Sie kündigt ein Unheil an, das unmittelbar bevorsteht. Kam in meinem Leben erst zwei Mal vor, dass ich total ausflippte. So richtig! Ein drittes Mal steht kurz bevor.

 

„Jetzt sei doch nicht so prüde“, wirft mir Marie beleidigt an den Kopf. Prüde ist eine lustige Bezeichnung dafür, wenn deine 17-jährige Tochter dir soeben mitteilt, dass sie schwanger ist, aber keine Ahnung hat, von wem. Philipp hält sich lieber raus. Wie es scheint, ist diese Information für ihn jetzt auch neu.

 

„Wer ist Hamoudi?“, frage ich kurz angebunden. Ich bin damit beschäftigt, den brodelnden Vulkan in mir zu zähmen. Jeder weiß, dass kein Mensch je einen Vulkan bändigen kann. Wenn er explodieren will, explodiert er halt.

„Hamoudi kommt aus Syrien. Stell dir vor, Mama, er flüchtete alleine ohne seine Eltern über das Mittelmeer und ist dabei fast ertrunken“, fängt Marie an. „Nun ist er in einem Flüchtlingsheim untergebracht. Ganz allein, Mama. Ganz allein!“, fährt sie fort und gestikuliert dazu wild mit den Händen. Damit wäre gleichzeitig die Altersfrage geklärt. Hamoudi scheint noch minderjährig.

„Er ist erst ein halbes Jahr in Deutschland und versteht die Sprache kaum. Daher hat er keine Freunde hier. Ich habe ihm ein bisschen die Stadt gezeigt. An einer besonders lauschigen Stelle am Main ist es dann passiert. Da hatte ich natürlich keine Kondome dabei. Konnte ich ja nicht wissen, dass …“

Klatsch! Der Vulkanausbruch hat soeben stattgefunden. Er hinterlässt den Abdruck meiner Hand auf ihrer Backe. Noch nie im Leben habe ich einen Menschen geohrfeigt und hatte das auch nicht vor. Es gibt für alles ein erstes Mal. Tut mir jetzt direkt nach der Explosion auch leid. Ging aber nicht anders.

„Mama!?“ ruft Marie perplex und rennt davon.

„Musste das sein?“ Philipp ist gut. Sich aus allem raushalten und dann gute Ratschläge verteilen. „Ihr könnt mich mal“, denke ich insgeheim und verlasse den Ort des Geschehens wortlos. Ich fahre auf direktem Weg zu Florence. Das Sprichwort „Keinen Stein mehr auf dem anderen lassen“ beschreibt ganz gut, was ich aktuell fühle.

 

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 12 …