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10. Kapitel: Wehe, du sagst was

 

10. Kapitel: Wehe, du sagst was!

„Hallo, Marlies. Wie geht es Ihnen?“, begrüße ich unsere Kollegin unten am Empfang. Irgendwas an ihr kommt mir heute Nachmittag allerdings komisch vor. Marlies ist eine ausgesprochene Frohnatur. Beim Lachen zeigt sich ihre kleine Zahnlücke zwischen den oberen beiden Schneidezähnen. Und ihre Augen sehen dabei aus, als würde der halbe südamerikanische Kontinent darin Samba tanzen. Was für ein Feuerwerk an guter Laune, die Marlies. Selbst Regenwetter kann ihre Laune nicht vermiesen und auch nicht so mancher Herr der obersten Führungsetage, dessen Ton bisweilen recht schroff werden kann. Sofern ich in der Nähe bin, trauen sie sich das längst nicht mehr. Kollegen fies zu behandeln, gleichgültig welcher Hierarchie-Ebene, geht für mich gar nicht.

 

„Danke, Frau Amelie, gut. Und Ihnen?“, antwortet Marlies und lächelt dabei gezwungen. Ich kann keinerlei Samba erkennen, das macht mich stutzig.

 

Oben bei Brigitte brodelt zwar irgendein Problem, von dem ich nicht hoffe, dass es kurz vor einem Vulkanausbruch steht. Außerdem tickt die Uhr, damit ich um 17 Uhr wieder in der Stadt bin. Ein an sich schon spannendes Unterfangen an einem Freitagnachmittag in der Frankfurter Innenstadt. Doch so viel Zeit muss sein.

 

„Marlies, was ist los? Ich sehe doch, dass es Ihnen nicht gut geht?“

 

Scheinbar habe ich damit mitten ins Schwarze getroffen.

 

„Ach, Frau Amelie, es geht schon. Das gehört nun wirklich nicht hierher und Sie haben Wichtigeres zu tun.“

 

Ehe sie sich versieht, habe ich schon die Klinke zur Glastür in der Hand, die mich in ihr heiliges Reich führt. Auf ihrem Schreibtisch schaut es ungewöhnlich chaotisch aus. So kenne ich Marlies gar nicht. Sie ist sonst die Struktur in Person, alles bei ihr picobello. Die Stifte liegen grundsätzlich diagonal zu den vielen Unternehmens-Stempeln. Schön in Reih und Glied. Auch die Akten und Papiere hat sie üblicherweise voll im Griff. Ihr Arbeitsplatz sieht aus, wie einem Möbelkatalog für Büroausstattung entsprungen. Noch nie habe ich bei ihr eine Schranktür oder Schublade offenstehen gesehen. Nein, sie holt Dinge raus, schließt danach alles sofort wieder korrekt. Heute jedoch lacht mir aus der halb geöffneten Schreibtisch-Schublade Unmengen an zerknülltem Schokoladenpapier entgegen. Ich liebe Schokolade, in allen Varianten. Florence beneidet mich immer darum, wie viel ich davon vertilgen kann, ohne je zuzunehmen. In diesem Falle bin ich sehr dankbar, Muttis Gene vererbt bekommen zu haben. Sie ist bis heute gertenschlank. Ähnlich wie ich, hat sie fast immer Essbares in der Hand. Wir sind uns da früher in der Küche glücklicherweise nie in die Quere gekommen. Wäre ja noch schöner, ich hätte mich mit Mutti um meinen heißgeliebten Schokoladenkuchen schlagen müssen.

 

Während ich in der Küche saß, um mein viertes Stück davon genüsslich Gabel für Gabel in den Mund zu befördern, hielt sie ein Salamibrot nach Trudchens Art in der Hand. Das bedeutet konkret: Man nehme eine Scheibe Brot und bestreiche diese dick mit Butter. Danach ist die halbe Butter meist schon leer. Danach platziere man auf die Butter einige Salamischeiben. Pro Brotscheibe mindestens 5. Zum Abschluss und als Krönung des Ganzen: Man bestreiche die Butter-Salami-Keule mit Remoulade, natürlich selbstgemacht. So saßen wir in trauter Zweisamkeit kauend in der Küche, während Papa das alles nicht fassen konnte und nur den Kopf schüttelte. Er nannte uns Futtermonster. Aber so liebevoll, dass wir ihm deswegen nie böse sein konnten.

 

Verstohlen versucht Marlies schnell, die Lade des Grauens zu schließen. Mit der anderen Hand rafft sie hektisch einen Stapel Papiere auf dem Schreibtisch zusammen, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Bei diesem Ausmaß schier unmöglich.

 

„Liebe Marlies. Bitte vertrauen Sie mir. Leider habe ich momentan nur begrenzt Zeit zur Verfügung. Ich muss dringend zu Brigitte hoch. Daher wäre schön, wenn Sie mir die Sachlage in zehn Minuten erklären könnten. Ich schaue dann, was ich für Sie tun kann.“

 

Marlies ist hin und her gerissen. Ich erkenne das daran, dass sie ständig versucht, ihre halblangen dunklen Locken zurecht zu zupfen. Vom ersten Tag an, als sie zu uns kam, beneidete ich sie um diese Lockenpracht. Meine Haare dagegen sind eher fein und glatt wie Schnittlauch. Dafür in einem schönen, sanften Naturblond-Ton. Ich werde deswegen oft gefragt, ob ich aus Schweden stamme. „Nein, ich bin waschechte Hessin“, antworte ich darauf regelmäßig in unverkennbarem Dialekt. Im Alltag mache ich mir meistens einen Zopf, das geht morgens schneller. Ich bin da gern praktisch unterwegs.

 

Endlich rückt Marlies mit der Sprache raus. Es geht um ihren Sohn. Der ist 16 und überfordert sie seit einigen Wochen komplett. Marlies erzieht ihn allein. Sein Vater entschwand der kleinen Familie an dem Tag, als er erfuhr, dass sie schwanger ist. Für Marlies war dies nie ein Problem. Sie liebte den Kleinen vom ersten Moment an und hatte nie Zweifel, es alleine nicht zu schaffen. Nun habe man ihn wohl kiffend in der Stadt erwischt. Leider nicht nur das. Um sein Taschengeld aufzubessern, verkaufte er den Stoff auch im Park. Und das so blauäugig, dass er schon beim ersten Dealversuch von der Polizei erwischt wurde. Marlies musste zur Wache anrücken und wie das jetzt weitergeht, weiß sie selbst noch nicht.

 

„Es gibt Hilfen, liebe Marlies. In erster Linie für Sie persönlich als Mutter und auch für sie beide als Familie. Ich bringe ihnen morgen einige Kontaktdaten von Beratungsstellen vorbei. Glauben Sie mir, das ist nicht Ende der Fahnenstange und Sie werden gemeinsam mit den Fachleuten eine gute Lösung für sich finden.“

 

Ich verabschiede mich von ihr und stelle fest, dass ihre Augen langsam den altbekannten schelmischen Blick zurückgewinnen. Wenn auch zaghaft. Ich kann mich also ruhigen Gewissens Brigitte und dem nächsten Drama zuwenden. Manchmal kommt es mir so vor, als sei ich hier das Drama-Beseitigungs-Kommando vom Dienst. Überall Missverständnisse und Konflikte. Geschätzt 90 Prozent müssten gar nicht sein, würden die Leute etwas achtsamer bzw. überhaupt miteinander kommunizieren. Sogar in der Damentoilette kochten gestern die Gemüter über.

 

Zwei Kolleginnen stritten sich lautstark am Waschbecken darüber, dass die Handtrockner auf der Toilette neuerdings zugunsten von Papiertuchspendern ersetzt wurden. Eine davon offensichtlich ein Ökotyp mit völlig verfilzten Rastazöpfen, grün-weißem Flanellhemd und Fransenschal um den Hals. An den Füßen Jesusschlappen. Sie wirkte relativ ruhig, aber entschlossen:

 

„Die reinste Papierverschwendung. Schau doch mal, wie der Mülleimer schon wieder überquillt. Dabei ist gerade mal 10 Uhr durch.“

 

Ihr Gegenüber das krasse Gegenteil: falsche Wimpern, aufgeblasene Lippen, auch noch grellpink geschminkt. Ihre üppige Oberweite heftig zusammengepusht und nach oben gepresst. Das sah aus, als würden ihr die Dinger gleich ins Waschbecken hüpfen. An den Füßen schicke Sandaletten, Absatz sicher um die 14 Zentimeter, die Zehen vorne grausam zusammengequetscht. So etwas kenne ich nur als Bett- oder Sitzschuhe, und das auch nur in der Theorie. Sie war außer sich vor Wut:

 

„Na, und? Dafür ist es hygienischer. Diese Luftpuster sind doch voll die Bakterienschleudern. Lieber ein paar Bäume mehr abholzen, als dass ich mir hier den Tod hole.“

 

In ihrer Kampfeslust merkten sie gar nicht, dass noch jemand drinnen auf der Toilette zugegen war. Erst als ich mich zu ihnen ans Waschbecken gesellte, verstummten sie. Ich konnte ihre Gedanken förmlich von der Stirn ablesen. „Verdammt, die Chefin. Was macht die denn bei uns auf dem Klo?“

„Sofern Sie Alternativen haben, teilen Sie mir diese gerne schriftlich in den nächsten 14 Tagen mit. Ich werde diese an die zuständige Stelle weiterleiten.“

 

Die Damen schauten sich nur an und verließen wortlos die Toilette. Wer weiß, vielleicht motiviert das die Streithennen ja, zum Dream-Team in der Mission „Das beste Toiletten-Hände-Abtrocken-Konzept ever“ zu werden.

 

„Brigitte, was gibt’s?“ Ihr Blick verheißt nichts Gutes. Ich kenne Brigitte als sanfte Natur, die nie auch nur ein böses Wort über jemand anderen sagen würde. Irgendetwas muss sie vollkommen aus der Fassung gebracht haben.

„Der verdammte Mistkerl war bei mir und wollte mich erpressen!“, schreit sie in einer für sie ungewöhnlichen Lautstärke. Sie ist richtig außer sich! Ihre Adern am Hals treten deutlich hervor. Ich mache mir Sorgen um Brigittes Baby und auch um sie selbst. Wenn sie ein solches Wort in den Mund nimmt, scheint Drastisches vorgefallen zu sein. Wir sind uns da sehr ähnlich. Ich verliere ganz selten die Beherrschung. An eine Begebenheit dieser Art kann ich mich erinnern, als sei es gestern gewesen, weil sie hochemotional war. Voller Euphorie durchstöberte ich die Hauswarenabteilung im Kaufhaus nach einem neuen Schnellkochtopf. Die Dinger sind einfach spitze, auch wenn ich diese Gerätschaften in der Küche weitaus seltener benutze als Philipp. Er kocht leidenschaftlich gern. Ich eher nur aus einem Grund: Weil es eben sein muss. Meine geliebten Linsen mit Spätzle jedoch bereite ich liebend gerne selbst zu. Dafür brauchte ich einen Schnellkochtopf, mir schmecken sie dann einfach besser. Also die Linsen, denn die Spätzle schabe ich selbstverständlich von Hand. Meine Oma väterlicherseits stammte aus Stuttgart. Dort zählen Spätzle zum Hauptnahrungsmittel. Als ich zehn Jahre alt war, befand sie, ich sei nun reif für die praktische Einweisung des Spätzleschabens. „Kind, mit Spätzle hast du immer gut gegessen“, so ihr Rat. Kann ich bestätigen. Ein Teller Käsespätzle und du bist die nächsten sechs Stunden garantiert satt. Zurück zum Schnellkochtopf. Ich scharwenzelte also um die verschiedenen Ausführungen an Schnellkochtöpfen herum, als es neben mir auf einmal sehr laut wurde. Das lenkte meine Aufmerksamkeit sofort dorthin, denn wenn Leute herumschreien, läuten bei mir sämtliche Alarmglocken. Eine Mutter blaffte ihr Kind an. Sie zeterte und schimpfte lauthals mit ihr:

 

„Wie kann man nur so blöd sein. Konntest du nicht aufpassen?“

 

Das Mädchen war geschätzt 8 Jahre alt und hatte Tränen in den Augen. Scheinbar kam es versehentlich einer Auslage zu nah. Direkt vor ihren Füßen entdeckte ich einen kleinen Scherbenhaufen. Sie stand regungslos davor, während die Mutter anfing, sie mehrfach grob am Arm zu zerren.

 

„Jetzt mach den Mund auf, warum hast du nicht aufgepasst?“, ging die Schimpftirade weiter. Das Mädchen brachte keinen Ton hervor. Es starrte wie hypnotisiert auf die Scherben. Eine Menge anderer Kunden bekamen die Szene mit. Doch man kennt das ja: Menschen verfallen in solchen Momenten gern in das Verhaltensmuster „Ich tue jetzt mal so, als ginge mich das alles nichts an. Dann kriege ich auch keinen Ärger.“

 

„Hey, antworte mir gefälligst?!“ Der Ton der Mutter hatte inzwischen Höchstlautstärke angenommen. Er wurde begleitet von drei heftigen Backpfeifen, die knallend auf der rechten Wange des Mädchens landeten. Bei so was kann ich dann schon mal meine Beherrschung verlieren.

 

„Finger weg, Sie kranke Furie, aber sofort!“, brüllte ich die Frau an und ging vehement dazwischen. Die anderen Kunden schlichen derweil schnell davon. Schade eigentlich, da hätten Sie Wichtiges fürs Leben lernen können. Es nennt sich Zivilcourage.

 

Zuerst stellte ich mich schützend vor das Mädchen. Danach packte ich beide Handgelenkte der Furie gekonnt zusammen, sodass sie keinen weiteren Schaden mehr anrichten konnte.

„Lass mich sofort los, du Schlampe, ich zeig dich an. Das ist Nötigung!“ Die Dame war außer sich und wand sich in meinem Griff. „Sorry, Lady, da hast du jetzt keine Chance“, dachte ich nur. Wenn ich mal zupacke, dann richtig.

„Hey Sie!“, schrie ich durch die halbe Hauswarenabteilung einer Verkäuferin in der angrenzenden Dekoabteilung zu.

 

„Ja, genau Sie! Holen Sie sofort den Sicherheitsdienst. Pronto, bitte! Und rufen Sie gleich auch die Polizei dazu!“ Liebend gerne hätte ich das selbst übernommen. Da ich allerdings meine beiden Hände zum Fesseln dieses Mutter-Monsters brauchte, hatte ich damit keine frei, mein Handy zu bedienen. Man muss eben wissen, wann delegieren mehr Sinn macht. Ich delegiere gern.

 

Lange zehn Minuten vergingen, die ich mit der wehrhaften Furie gemeinsam vor den Schnellkochtöpfen verbrachte. Ich kannte danach jedes einzelne Angebot in- und auswendig. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte der Sicherheitsdienst auf, praktischerweise gleichzeitig mit der Polizei. „Alles wird gut, meine Kleine. Du musst keine Angst mehr haben“, flüsterte ich dem Mädchen liebevoll zu, die sich nach vor zitternd vor Angst hinter mir versteckte. Im Nachhinein erfuhr ich, dass sie schon länger von ihrer Mutter misshandelt wurde. Das Jugendamt kümmerte sich im Anschluss darum.

 

Zurück zu Brigitte. Ich ahne Böses. Erst mal herausfinden, was für ein Problem hier gerade am Überkochen ist.

 

„Brigitte, ganz langsam, beruhigen Sie sich. Was ist passiert?“, versuche ich der Sache auf den Grund zu kommen.

 

„Frau Amelie, es geht um Thomas“, erklärt sie. Inzwischen schon deutlich ruhiger. Die Adern werden kleiner. Erneutes Anschlagen meiner Alarmglocken beim Namen Thomas. Ich werde hellhörig.

 

„Ja, und?“ Normalerweise muss man Brigitte nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.

 

„Er drohte mir wegen der Belästigung. Ich war ja Zeugin des Vorfalls. Er wollte verhindern, dass ich eine Aussage mache. Damit wäre er geliefert. Ohne Zeugen sieht es für ihn viel besser aus. Er meinte, wenn ich meinen Job behalten wolle, gerade jetzt, wo ich schwanger bin, solle ich mir das noch mal überlegen.“

 

Meine Körpertemperatur erhitzt sich nach dieser Nachricht schlagartig auf mindestens 180 Grad. Ich koche innerlich und muss mich am Riemen reißen, um nicht zu explodieren wie mein Schnellkochtopf zu Hause, wenn er den Dampf nicht rechtzeitig ablassen kann.

 

„Frau Amelie, vor dem habe ich gewiss keine Angst. Genau das sagte ich ihm auch und dass er bitte das Zimmer verlassen soll.“

 

„Ja, und dann?“ Da kommt doch noch was, denke ich mir. Und so ist es dann auch.

 

„Da bot er mir glatt 1.000 Euro, wenn ich den Mund halte!“

 

Ganz ruhig, Amelie. Atmen! Atmen hilft immer.

 

„Liebe Brigitte, ich bin sehr stolz auf Sie. Ich freue mich, dass wir in der Sache so entschlossen zusammenstehen. Haben Sie gut gemacht. Ich übernehme das jetzt. Danke, dass Sie mich sofort informiert haben.“

 

So schnell kann es gehen, dass du vom Babyparadies aus direkt in einen Thriller rutschst. Weder mein Hirn noch Herz kommen hinterher, wie ich minütlich von einem Genre zum nächsten stolpere. Ich sollte ein Buch darüber schreiben. Das glaubt mir doch sonst kein Mensch. Kurz vor halb fünf. Keine Zeit mehr für Genre-Thriller. Zurück geht’s ins Babyparadies mit deutlichem Rosamunde-Pilcher-Touch.

 

„Bis morgen, Brigitte. Am besten, Sie machen jetzt Feierabend und lassen es sich heute Abend noch so richtig gut gehen zu Hause.“

 

Und ich? Ich schwinge mich erneut in meine Rennsemmel und semmle mich damit durch den Frankfurter Feierabendverkehr in die nächste freie Schuhschachtel. Zwei Minuten vor fünf Uhr betrete ich das Eiscafé. Schnell noch meine Synapsen auf liebliche Vorkommnisse einstimmen, den Thomas dabei ausknipsen und den Dachdecker gleich mit. Wenn ich geahnt hätte, wie lieblich das heute endet, wäre ich vielleicht doch lieber in der Firma geblieben.

 

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 11 …