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1. Kapitel: Er und sie – nachts in Frankfurt

 

1. Kapitel: Er und sie – nachts in Frankfurt

 

Ich war noch nie romantisch. Vermutlich genetisch bedingt, denn mein Vater ist auch so. Das romantischste, das er meiner Mutter je zum Hochzeitstag schenkte, war ein Bügeleisen. Was in den Genen nicht vorhanden ist, ist einfach nicht vorhanden. Ganz anders Philipp. Er ist der Romantiker schlechthin. Normalerweise jedenfalls. Heute Nacht kann jedoch keine Rede davon sein …

„Philipp, du schnarchst!“
„Ich schlaf doch noch gar nicht.“

Ist ja wie in der Firma. Dort behauptet so mancher Schlingel gelegentlich auch Dinge, die partout nicht stimmen können und meint tatsächlich, ich würde es nicht merken.

„Ach, du kannst also schnarchen, wenn du wach bist?“
“Natürlich nicht!“
„Und woher kommen dann die Schnarchgeräusche?“
„Keine Ahnung. Du hast sicher geträumt.“

Die Unterhaltung erinnert mich an Loriots Pappa ante portas. Sie findet in diesem Moment ein jähes Ende. Der Mann neben mir, inzwischen mit leichtem Bauchansatz, ist wieder eingenickt. Deutlich hörbar. Aus seinem Mund ertönt bereits das nächste laute Pfeifen. Inzwischen ist es 1 Uhr durch. Ich bin hundemüde und morgen wartet eine wichtige Sitzung auf mich. Ich will endlich schlafen!

„Aua!“, ertönt es von rechts.

Ja, sorry, wenn das ganze Reden nicht hilft, muss ich andere Mittel und Wege wählen. Ich kann super zupacken. Auch das habe ich von Papa geerbt. Philipp bekam das eben zu spüren, als ich an seiner linken Schulter rüttelte. Etwas unsanft, ich weiß. Aber was will ich machen.

„Du schnarchst!“ Ein erneuter Versuch. Der Mond scheint dabei hochromantisch zu unserem Schlafzimmerfenster herein. Eine Stimmung, die gerade schlecht zu meiner Stimmung passt. Man kann sich die Begebenheiten halt nicht immer aussuchen.

„Amelie, ich bin müde!“, beschwert sich Philipp über meinen Angriff. Na, da haben wir entscheidend etwas gemeinsam. Kaum ausgesprochen, dreht er sich auf die Seite, kugelt sich wie ein Baby zusammen und pennt weiter. Bombenfest. Er würde in dem Zustand nichts mehr mitkriegen, nicht mal einen Weltuntergang. Schnell angle ich mir mein Handy vom Nachttisch. Es liegt direkt neben meinem Notizblock. Der ist wichtig, denn in dem beduselten Zustand kurz vor dem Einschlafen habe ich die besten Ideen für die Firma. Mit Ausnahme von heute, da bin ich so was von hellwach. Meine Ideen im Wachzustand sind allerdings auch super. Die aktuelle lautet: Ich nehme seine Schnarcherei einfach auf. Beweismittel zu haben, ist immer gut. Das machte auch meine Lieblings-Filmfigur Miss Marple so, wenngleich sehr viel weniger digital wie ich in dieser Nacht. Ich liebe Miss Marple! Weil sie herrlich schrullig war, außerdem clever und damit garantiert jeden ungeklärten Mordfall lösen konnte. Das schaffte sie deshalb, weil sie zwischen den Zeilen las und komplexe Sachverhalte auf ihren einfachen Nenner herunterbrach. Im Prinzip nichts anderes, was auch jeder gute Leader beherrschen sollte. Ohne Mordfall natürlich, denn so weit soll es heute Nacht nicht kommen – obwohl ich Philipp gerade schon gerne den Hals umdrehen würde. Selbstverständlich so liebevoll wie möglich.

Die Qualität meiner Aufnahmen lässt leider zu wünschen übrig. Jede Miss Marple fängt mal klein an. Aber so kann ich das Philipp nicht vorführen. Der Bildausschnitt ist auf grausame Weise misslungen. Schade, denn die Tonspur wiederum kommt grandios realistisch rüber.

„Keine Brötchen, bitte keine Brötchen!“ wispert Philipp.
„Philipp, was sagtest du?“ Keine Antwort.

Was für Brötchen und warum, frage ich mich gerade. Da kapiere ich, dass sich Philipp mitten im Land der Träume befindet. Dass ein Konditormeister von Brötchen träumt, ist mir aber – bei allem Verständnis – suspekt. Daher frage ich mal nach.

„Und was ist mit dem Schokokuchen?“ Mal sehen, inwieweit intellektuell eine eheliche Unterhaltung unter diesen Umständen verlaufen kann. Ich liebe Schokokuchen. Wäre nett, wenn Philipp in seinem Traum daran denken würde. Er backt den besten Schokokuchen von ganz Frankfurt.

„Nein, tu die Brötchen weg!“, schreit er so laut, dass ich einen Schrecken kriege. Philipp schreit niemals. Nicht mal, als ich ihm bei der Geburt von Marie seine linke Hand vor lauter Schmerzen zerquetschte. Was will er denn ständig mit den dusseligen Brötchen. Und wo ist der Schokokuchen?

„Hilfe!!!!“, ist das letzte, was ich aus Philipps Traum zu hören bekomme. Dann schlägt er panisch die Augen auf und sitzt kerzengerade im Bett.

„Alles okay?“, frage ich besorgt. Er sieht gar nicht gut aus.

„Ich muss wohl geträumt haben“, stellt er fest. Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.
„Schlaf weiter, ich geh aufs Sofa. Du schnarchst!“, gebe ich bekannt. Ich streiche ihm dabei fürsorglich seine Haare aus der Stirn. Vorne ist das noch möglich, wohingegen es am Hinterkopf recht mager aussieht.
„Kann nicht sein, ich habe doch noch gar nicht geschlafen!“

Als Frau ist es wichtig zu wissen, wenn Diskussionen keinen Sinn mehr machen. Da hilft nur noch eines: Das Ganze auf einen besseren Zeitpunkt vertagen. Also klemme ich mir mein Bettzeug unter den Arm. Satinbettwäsche in Weiß mit rosa Blüten drauf. Ich liebe Rosa in allen Variationen. „Gute Nacht Philipp“, flüstere ich ihm zu. Er kriegt es nicht mehr mit. Er sieht richtig süß aus, wie er rücklings in seiner Betthälfte liegt und schläft. Nur der Geräuschpegel dabei behagt mir nicht. Das Sofa soll es richten. Es ist eines von der Sorte ‚riesige Herumlümmel-Wohnlandschaft‘, auf der locker eine Großfamilie mit drei Generationen draufpassen würde. Nicht das erste Mal übrigens, dass ich die Nacht darauf verbringe. Bei Grippe stelle ich mich an wie eine Memme. Ich leide da wie ein Hund. Das macht man besser allein auf dem Sofa, da die anderen Mitbewohner mich dabei kaum aushalten würden. „Mama, jetzt reiß dich mal zusammen“, musste ich mir sogar schon von der eigenen Tochter anhören. In anderen Dingen bin ich gewiss nicht wehleidig. Würde zu einer Kickboxerin auch passen wie ein Pinguin, der heulend in der Antarktis steht und jammert, ihm wäre kalt. Ne, ansonsten bin ich hart im Nehmen. Bei Grippe endet meine Tapferkeit allerdings abrupt.

Ich will gerade die erste Treppenstufe nehmen, als ich merke: „Mist, Handy vergessen!“ Also Bettzeug auf den Treppenabsatz gelegt und zurück ins Schlafzimmer gehuscht. Auf leisen Sohlen schleiche ich an meinen Nachttisch. Absolut unnötig, denn Philipp würde nicht mal von einem Bombeneinschlag mitten im Raum erwachen. Ich nehme mein Handy zur Hand. Es ist wichtig, das Handy jetzt nicht mehr aus den Augen zu lassen. Es enthält brisantes Beweismaterial, und das ist nicht für alle Augen bestimmt. Könnte sonst in einer ernsthaften Krise enden. Vielleicht sollte ich es doch lieber wieder löschen? Ja, okay, ich mach’s – sobald ich im Wohnzimmer angekommen bin. Ein Karton verhindert das beinahe, der unweit meines Bettzeuges am Treppenabsatz gestanden haben muss. Ich stolpere über ihn und falle beinahe die Treppen hinunter, geölte Eiche und wunderschön.

„Scheiße“, fluche ich laut. Bei völliger Übermüdung ist ein Mensch nicht mehr in der Lage, förmlich zu fluchen. „Wer hat denn diesen Karton hier vor der Tür abgestellt?“, murmle ich verärgert in mich hinein. Allein meiner Reaktionsschnelligkeit ist zu verdanken, dass diese Nacht nicht in der Notaufnahme endet, sondern wie geplant auf dem heimischen Sofa.

Apropos Sofa: Nur noch unsere schöne Holztreppe und ein paar Schritte ins Wohnzimmer trennen mich jetzt noch von meinem Ziel. Ich sehe mich meinem Land der Träume entsprechend schon ganz nah. Und in denen kommen sicher keine Brötchen vor, sondern bestimmt die 10 Millionen, um die wir morgen in der Sitzung mit unserem Banker verhandeln wollen.

Bis es so weit ist, habe ich allerdings erst noch einen imaginären Einbrecher zu bekämpfen und ein männliches Wesen sabbernd am Hals hängen, Kampfgewicht 80 Kilogramm. Wie gut, dass ich in dem Moment im Entferntesten noch nichts davon ahne.

 

FORTSETZUNG DER GESCHICHTE IN KAPITEL 2 …